Eine Alternative zu Antibiotika: Phagen jagen


Seit mehr als 100 Jahren nutzen Ärzte in Osteuropa Viren, um damit Bakterien zu bekämpfen. In Zeiten von antibiotikaresistenten Keimen erlebt die Methode nun eine Renaissance.

Edda Grabar | Spektrum.de

Bild: deavita.com

Steffanie Strathdee hätte nie gedacht, dass ein Bakterium ihre Welt einstürzen lassen würde. Sie, die Spezialisten für Infektionskrankheiten und Kodekanin eines Instituts für Globale Gesundheit an der renommierten University of California San Diego (UCSD). »Viren ja«, sagt sie, »aber Bakterien?« Im Februar 2016 kämpfte Strathdees Ehemann auf der Intensivstation der Klinik ihrer Universität mit einem ganz besonders resistenten Vertreter des Erregers Acinetobacter baumanii. Antibiotika zeigten kaum noch eine Wirkung. Extensiv drug resistent (XDR) heißt es, wenn die Grenze von multiresistent bereits überschritten ist. Von dort aus ist es nicht mehr weit zu PDR, »pan drug resistent«. Das ist – wenn man so will – die wissenschaftliche Bezeichnung für: »Da geht nichts mehr.« Dass ihr Mann dieses Stadium tatsächlich schon erreicht hat, begreift Strathdees, als sie eine Frage hört, die nicht für ihre Ohren bestimmt ist: »Hat irgendwer Steff gesagt, dass ihr Mann sterben wird?«

»Steff«, wie sie von Freunden und Kollegen genannt wird, rebelliert. Sie will sich damit nicht abfinden und beginnt zu suchen, sichtet Studien, recherchiert im Internet über »Alternativen zu Antibiotikabehandlungen«. Dort stößt sie auf eine Therapie aus Georgien, die angeblich Wunder wirken soll: Phagen, also Viren, die ausschließlich Bakterien befallen. Sie sollen bereits etliche Menschen von resistenten Keimen befreit haben. Von Phagen hatte Strathdee zuletzt im Studium gehört. Es gibt zwei unterschiedliche Sorten: Solche, die Bakterien unterstützen, und solche, die Bakterien töten. Die, über die sie aufgeregt recherchiert, sind Bakterienkiller. Sie docken an die Zellwände von Bakterien und impfen sie mit ihrer DNA, ändern also deren Erbgut. Die Bakterien werden dadurch sozusagen umprogrammiert, so dass sie in ihrem Inneren massenhaft neue Phagen produzieren. Mit Hilfe eines Enzyms lösen die Phagen von innen die Zellwand der Bakterien auf, bis diese schließlich platzen und ein Heer neuer Phagen entlassen. Das geschieht so lange, bis alle Bakterien, gegen die sich die Phagen richten, zerstört sind.

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