Ein verdrängter Völkermord?


Vor 30 Jahren besetzten Truppen von Saddam Hussein das benachbarte Kuwait. Der UN-Sicherheitsrat verhängte daraufhin ein totales Wirtschaftsembargo gegen den Irak. Doch erst eine militärische Intervention brachte im Frühjahr 1991 die Befreiung Kuwaits, die Sanktionen blieben allerdings bis zum Jahr 2003 bestehen. Deren verheerende Folgen setzen manche mit einem Völkermord gleich – und sind doch bis heute weitgehend unbekannt.

Christoph Duwe | TELEPOLIS

Grafik: TP

Bereits zehn Jahre vor der Besetzung Kuwaits – am 22. September 1980 – ließ Saddam Hussein ein benachbartes Land überfallen. Der irakische Diktator glaubte nämlich, dass der Iran nach der islamischen Revolution von Anfang 1979 geschwächt sei und er dementsprechend leichtes Spiel haben würde. Am Ende dauerte dieser Krieg jedoch acht Jahre, endete mit einem Patt und kostete ungefähr einer Million Menschen das Leben.

Internationale Konsequenzen musste Saddam wegen dieser Aggression nicht fürchten, galten die religiösen Herrscher Teherans doch als die neuen Erzfeinde Washingtons. Dementsprechend unterstützten die USA ihn sogar bei diesem verbrecherischen Feldzug. Der zynische Slogan lautete: „Er ist ein Hurensohn – aber er ist unser Hurensohn.“. Aus Europa gab es kaum Protest gegen diese Strategie, folgte man doch bereitwillig der Sichtweise des großen Bruders.

Ganz anders sah die Sache aus, als Saddam Hussein am 2. August 1990 Kuwait überfiel. Mit diesem Schachzug hatte er aus Sicht der US-Regierung seine Kompetenzen klar überschritten, sodass diese den alten Verbündeten nun plötzlich zur ultimativen Bedrohung, zum „Schurken“ erklärte (und wieder folgten die Verbündeten dieser Lesart ohne Widerspruch). Der irakische Diktator musste nun um jeden Preis in seine Schranken gewiesen werden. Zunächst verhängte der UN-Sicherheitsrat am 6. August 1990 ein totales Handelsembargo gegen den Irak (Resolution 661), wovon sich Saddam Hussein allerdings nicht beeindrucken ließ. Und so kam es am 16. Januar 1991 auf Basis der Resolution 678 zur „Operation Desert Strom“, bei der eine große internationale Koalition unter Führung der USA Kuwait befreien sollte. Nach sechs Wochen Krieg war dieses Ziel schließlich erreicht – und somit der Anlass für die Sanktionen gegen den Irak eigentlich hinfällig.

Kurz nach dem Ende der Kampfhandlungen bereiste der UN-Sonderbeauftragte Martti Ahtisaari den Irak und stellte fest, dass die Alliierten das Land „mit ihren mehr als hunderttausend Luftangriffen … in ein ‚vorindustrielles Zeitalter‘ zurückgeworfen“ hätten.

Ahtisaari sprach von „nahezu apokalyptischen“ Auswirkungen des Krieges: „Die Ernährungslage im Irak ist kritisch. … Dem Irak droht eine Hungersnot. Sauberes Trinkwasser ist knapp geworden. Es gibt keinen Strom für die Wasseraufbereitung und die Kläranlagen. In Bagdad werden die Abwässer ungeklärt in den Tigris geleitet, aus dem sich die Menschen mit Trinkwasser versorgen. Epidemien drohen. Weil es an Benzin mangelt, können die wenigen vorhandenen Medikamente nicht an die Krankenhäuser verteilt werden. Neunzig Prozent der Industriearbeiter sind zur Untätigkeit verurteilt und von Ende März an ohne Einkommen. Auf dem Markt aber sind die Preise der meisten Grundnahrungsmittel um tausend Prozent gestiegen.“

weiterlesen