„Cancel Culture“? Mehr Demut, weniger Moral


Canceln wir Teile unserer Entrüstung! Moralische Überzeugungen sind subjektiver und fehleranfälliger, als es viele von uns wahrhaben wollen

Thomas Pölzler | DERSTANDARD

Foto: Getty Images

Moral ist nicht objektiv, findet der Grazer Philosoph Thomas Pölzler im Gastkommentar. Sie aber ganz abzuschaffen, wäre auch nicht sinnvoll. Er empfiehlt eine Rückbesinnung auf die Tugend der intellektuellen Demut. Lesen Sie dazu auch den Gastkommentar von Klaus Kastberger, Professor für Gegenwartsliteratur: „Kultur braucht Konfrontation“.

„Sind Frauen erwachsene weibliche Menschen?“ Das ist der Titel eines Aufsatzes von MIT-Professor Alex Byrne, der vor einigen Monaten in einer wichtigen philosophischen Fachzeitschrift veröffentlicht wurde. Für manch einen mag die Frage unverfänglich klingen, vielleicht sogar komisch oder trivial. Doch schon bald nach der Veröffentlichung wurde Byrne zur Zielscheibe persönlicher Angriffe von Verteidigern der Rechte von Transgender-Personen, einer der Herausgeber der Zeitschrift erklärte seinen Rücktritt, und im Internet krachten einmal mehr die Fronten aufeinander.

Dieser Fall ist symptomatisch. Im Zeitalter der Twitter-Erregung verschwimmen die Grenzen zwischen sachlicher Argumentation und bloßer Emotion. Selbst der wissenschaftliche Diskurs ist davor nicht mehr gefeit. Hitzköpfigkeit und Ausgrenzung von Andersdenkenden nehmen auch hier zu. Das Resultat ist ein Klima, in dem Debattenteilnehmer beider Seiten über Angst klagen, frei ihre Meinung zu äußern. Schließlich schwebt über uns allen das Damoklesschwert des „Gecancelt-Werdens“. Die Ursachen der Misere sind vielfältig. Eine davon ist die Moral – oder genauer gesagt: eine missverstandene Moral.

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