Auch Philosophie sollte in der Krise praktisch werden


Die gegenwärtige Verachtung rationaler Lebensorientierung ist eine Gefahr für unsere liberale Demokratie.

Olivia Mitscherlich-Schönherr | Frankfurter Rundschau

Berlin, 1. August: Ein Vorwurf, den man glaubt, schriftlich machen zu müssen. © imago images/Müller-Stauffenberg

Am ersten Augustwochenende haben Verschwörungstheoretiker ihrer Verachtung für rationale Lebensorientierung auf den Berliner Straßen wieder einmal lautstark Ausdruck verliehen. Am Samstag und Sonntag gab es Proteste auch in Stuttgart und in Dortmund. Was häufig übersehen wird: Sie stehen damit nicht allein. Auch an anderen Entwicklungen zeigt sich die Verdrängung von rationaler Orientierung aus der politischen Öffentlichkeit: an der Instrumentalisierung von empirischem Wissen durch politische Funktionsträger ebenso wie an den Rassismusdebatten.

In den jüngsten Rassismusdebatten wiederholt sich eine Tendenz früherer, ähnlich gelagerter Debatten: Eigene, moralische Leitprinzipien werden zu den höchsten Maßstäben erhoben, um an ihnen Theoretiker und deren Werk zu bemessen. Die mit Blick auf Nichteuropäer moralischen Defizite etwa eines Immanuel Kant – dem Übervater der europäischen Aufklärung – sind in den letzten Wochen überscharf ans Licht getreten. Der antirassistische Sturm auf seine Denkmäler scheint auf den ersten Blick folgerichtig.

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