„Das größte kriminologische Experiment der Geschichte“


Die Lockdowns zur Bekämpfung der Coronavirus-Pandemie reduzierten anfangs drastisch die Kriminalität. US-Kriminologen fordern auf, die Gunst der Stunde zu nutzen, um kriminologische Theorien zu überprüfen

Florian Rötzer | TELEPOLIS

Bild: TP

Amerikanische Kriminologen sehen die Covid-19-Pandemie und die politischen/gesellschaftlichen Reaktionen als das „größte kriminologische Experiment der Geschichte“. Jeder ist Versuchsperson. Man hätte ja auch meinen können, es sei das größte wissenschaftliche Experiment mit Milliarden von Menschen, in dem Entscheidungen fortwährend empirisch auf ihre Folgen mit der Erhebung von Big Data geprüft werden. Auch politisch und wirtschaftlich können die Lockdowns als globales Großexperiment gesehen werden, um festzustellen, wie Menschen, Organisationen und Institutionen sich unter bestimmten Bedingungen verhalten (Covid-19 und das wissenschaftliche Experiment auf nationaler und globaler Ebene).

Die Kriminologen Marcus Felson und Ben Stickle sagen jedenfalls in ihrem Beitrag für das American Journal of Criminal Justice, der am 16. Juni veröffentlicht wurde, dass die Pandemie weltweit zu einem Rückgang der Kriminalität geführt zu haben scheint. Das dürfte zutreffen, kann sich aber schnell ändern bzw. hat sich wahrscheinlich schon mit den Lockerungen oder den Protesten und Unruhen in den USA geändert, andererseits sind vermutlich häusliche Gewalt und Online-Kriminalität gestiegen. Für den berichteten Rückgang der Kriminalität machen die Wissenschaftler die Lockdowns verantwortlich. Und weil diese Länder, Bundesländer und Gemeinden zu unterschiedlichen Zeiten und auf unterschiedliche Weise betroffen haben, habe sich „ein natürlich ereignendes, fast zufälliges Kontrollexperiment entwickelt, das wie niemals zuvor die Prüfung von Kriminalitätstheorien erlaubt“. Das klingt ziemlich zynisch, was aber eine Eigenschaft der Wissenschaft ist. Oder benutzt die Politik die Wissenschaft?

Kriminologen werden aufgefordert, die Gunst der Stunde zu nutzen, um zu eruieren, warum, wo, wie und in welchem Ausmaß die Kriminalität zurückgegangen ist. Und sie sollten dafür so viele Daten wie möglich sammeln und auswerten, um die Kriminologie ebenso wie die Epidemiologen und Virologen, aber auch die Ökonomen, Psychologen und Soziologen zum Nutznießer der Pandemie zu machen. Wissenschaftlich gut sei, dass sich nur wenige Variablen, dies aber unter verschiedenen Bedingungen, verändert haben. Und weil die gesamte Gesellschaft betroffen ist, brauche es keine Kontrollgruppe, weil man nicht Variablen wie Alter, Geschlecht, sozialen Status etc. kontrollieren müsse.

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