Beten zur Corona-Göttin

coronavirus sars-cov-2

Manche Inder hoffen auf übernatürliche Hilfe gegen die Pandemie. Nötig wäre eine Reform des Gesundheitssystems. Der Subkontinent entwickelt sich immer mehr zu einem Brennpunkt der Pandemie.

Till Fähnders | Frankfurter Allgemeine Zeitung

Passiert in Indien viel zu selten: Eine Frau wird in Delhi auf das Coronavirus getestet. Bild: Reuters

Im Süden Indiens hat ein Mann dem Virus einen Schrein gebaut. Geziert wird das Heiligtum von einer Nachbildung des Coronavirus aus Styropor, etwa in Größe eines Fußballs: der „Corona Göttin“, wie der Mann mit dem Namen Anilan aus dem Bundesstaat Kerala sie nennt. „In Kerala gibt es in einigen Tempeln eine Gottheit für die Pocken, ebenfalls eine ansteckende Krankheit“, sagte der Mann kürzlich der indischen Presse. Warum sollte es so etwas nicht auch für das Coronavirus geben? „Einem Virus als Gottheit zu huldigen, ist kein ungewöhnlicher Brauch“, sagte Anilan. Tatsächlich ist er in seiner Heimat nicht der einzige, der das Virus durch Gebete besänftigen will. Ein indischer Fernsehbericht zeigte mehrere in bunte Saris gekleidete Frauen, die im Norden des Landes am Ufer eines Flusses Blumen verteilten und Kerzen anzündeten. Das Ziel ihrer Gebete sei die „Corona Ma“, die „Mutter Corona“. Nach dem Ritual werde der Wind kommen und das Virus zerstören, sagte eine der Frauen.

Es ist nicht überraschend, dass die Angst vor dem Virus in Indien so groß ist, dass ihm bisweilen die Kraft einer Gottheit zugeschrieben wird. Der Subkontinent entwickelt sich immer mehr zu einem Brennpunkt der Pandemie. Derzeit kommen täglich etwa 60.000 Neuinfektionen hinzu. Das sind mehr als in den Vereinigten Staaten und Brasilien, den zwei Ländern mit den meisten Fällen auf der Welt.

weiterlesen