Kleine Geschichte eines Mannes, der die Genetik der UdSSR zerstörte


Die Vererbungslehre sei unsozialistisch und falsch. Davon war Trofim Lyssenko überzeugt. Der Agrarwissenschaftler hatte mit seinen pseudowissenschaftlichen Thesen großen Erfolg. Denn an der Staatsspitze saß ein prominenter Befürworter.

Daniel Meßner, Richard Hemmer | Spektrum

Trofim Lyssenko vertrat krude Thesen. Nicht nur aus heutiger Sicht. Schon zu seiner Zeit zwischen den 1930er und 1960er Jahren warnten sowjetische Genetiker und Biologen davor, Lyssenkos landwirtschaftliche Anbaumethoden ernst zu nehmen. Nicht wenige dieser Forscher verloren deshalb ihre Arbeitsstelle, wurden verhaftet oder umgebracht. Denn Lyssenko hatte einen bedeutenden Befürworter: Stalin. Und das, obwohl seine pseudowissenschaftlichen Methoden fatale Folgen für die Sowjetunion hatten. Doch staatliche Propaganda machte den Lyssenkoismus möglich. In Sachen Genetik und Agrarforschung fiel die Sowjetunion um Jahrzehnte zurück.

Wie der Lyssenkoismus begann

Trofim Lyssenko (1898-1976) arbeitete Ende der 1920er Jahre als Pflanzenzüchter. Er wollte wissen, wie sich der Ertrag beim Getreideanbau steigern ließe. Mit einer Methode erzielte er große Erfolge: der Vernalisation. Sie beruht darauf, dass manche Pflanzen erst blühen, wenn sie für eine bestimmte Zeit kalten Temperaturen ausgesetzt waren. Wintergetreide zum Beispiel, das im Herbst ausgesät wird, beginnt dann nämlich nicht vor Wintereinbruch zu schossen und zu blühen. Um in Sibirien das ertragreichere Wintergetreide auch im Frühjahr anzubauen, musste diese Kältephase künstlich erzeugt werden. Das Getreide wurde vernalisiert, das heißt kältebehandelt. Anschließend wurde es im Frühjahr ausgesät.

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