Gibt es Rassismus in deutschen Arztpraxen?


Jeden Patienten gleich zu behandeln – das geloben Ärzte auf der ganzen Welt. In den USA und in England gibt es dennoch Diskussionen um Rassismus in der Medizin. Wie geht Deutschland damit um?

Lina Verschwele | Süddeutsche Zeitung

Wenn in der Arztpraxis verschiedene Kulturen aufeinanderstoßen, kommt es häufig zu Kommunikationsproblemen. (Foto: Maskot/Getty Images/Maskot)

An einem Tag im Mai sitzt Zohra Rothe im Wartezimmer einer hessischen Klinik. Sie ist nervös. Gleich wird eine Ärztin ihren Sohn Farid untersuchen. Das Gutachten soll mitentscheiden, ob dem Abiturienten Schmerzensgeld zusteht: Vor drei Jahren hatte ihn ein Lieferwagen erfasst, bis heute haben sich eine Hand und ein Bein des jungen Mannes nicht von dem Unfall erholt. Mutter und Sohn warten eine Stunde, bis sie aufgerufen werden. Der Mutter weist die Ärztin mit dem Finger einen Platz zu, dem 20-jährigen Sohn sagt sie: „Ausziehen, ganz ausziehen.“ Farid schämt sich, er bittet die Ärztin, die Gardinen zuzuziehen. „Da war sie richtig außer sich. So etwas habe sie noch nie erlebt. Sie meckerte die ganze Zeit“, erzählt Zohra Rothe später.

Ihr Sohn ist in Deutschland geboren, beide sprechen fließend Deutsch. Dennoch können sie die Ärztin nicht verstehen – sie spickt ihre Fragen mit lateinischen Fachbegriffen. Farid selbst kommt kaum dazu, über die Schmerzen in seiner Hand zu sprechen. Nach wenigen Minuten beendet die Ärztin die Untersuchung. Zohra Rothe mischt sich ein, sie fühlt sich nicht ernst genommen. Sie sagt, ihr Sohn habe wirklich starke Schmerzen. Die Ärztin erwidert: „Das können Sie einem Psychologen erzählen.“

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