Nimmt eine Frau sich Macht, legen Männer das als parteischädigend aus


Weil Kühnert und Müller sich nicht einigen konnten, soll Chebli weichen. Das sagt viel über die Glaubwürdigkeit der SPD beim Thema Gleichberechtigung aus. Ein Kommentar.

Lorenz Macholdt | DER TAGESSPIEGEL

Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) und Staatssekretärin Sawsan Chebli auf einem Archivfoto.Foto: picture alliance / Jörg Carstens

Eine Berliner Staatssekretärin, Erfahrungen in der Bundespolitik, Flüchtlingskind mit vorbildhafter Aufstiegsgeschichte, bewirbt sich in ihrem Heimatverband um die Kandidatur für ein Bundestagsmandat. Ihre Partei, jedenfalls der vernehmliche Teil, also vor allem der Kreis der Funktionäre, gerät in helle Aufregung, manche zeigen sich gar empört.

Der Vorwurf: Die Kandidatur schade der Partei. Kritisiert wird weder die politische Fähigkeit der Frau noch die Ausrichtung ihrer Politik, nein: Kritisiert wird, dass ihre Kandidatur nicht das Ergebnis einer Vorabsprache ist, sondern ihrem alleinigen Willen entspricht – und dass sie gegen den bisherigen Regierenden Bürgermeister antritt, der in der Senatskanzlei ihr Chef ist. „Demütigend“ sei das für den Mann, heißt es. So ergeht es gerade Sawsan Chebli, SPD.

Kevin Kühnert, führendes Mitglied des Bundesvorstands der SPD und Vorsitzender der Jusos, erlebt denselben Vorgang ganz anders. Als Kühnert erklärte, in seinem Heimatverband für ein Bundestagsmandat zu kandidieren, wurde das wohlwollend bis begeistert kommentiert.

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