Die Sektenkeule


Droht die Kirche eine Sekte zu werden? Mit diesem Horrorszenario möchten Theologen den Reformdruck erhöhen. Aber auch wenn man noch so viel Anstößiges wegreformiert, bleibt das Christentum befremdlich.

Christian Geyer | Frankfurter Allgemeine Zeitung

Werden Kirchen im Stadtbild bald ein Stein des Anstoßes sein? Bild: dpa

Ist es eine gute Idee, Werbung für kirchliche Reformen mit der Drohbotschaft zu verbinden, anderenfalls, also unreformiert, werde die Kirche zur Sekte? Was nach landläufig alarmistischem Sektenverständnis bedeutet: zu einer obskuren, gefährlichen, die Pfade der Normalität verlassenden Einrichtung; Geld- und Gehirnwäsche nicht ausgeschlossen. „Wenn der Synodale Weg scheitert, geht die Kirche gesellschaftlich ins Ghetto, sie wird zur Sekte“, teilt der Theologe Stefan Jürgens mit, Autor des Buches „Ausgeheuchelt!“. Auch der Dogmatikprofessor Georg Essen sieht in den institutionellen Identitätsdebatten seiner Kirche eine „kognitive Sekten- und Ghettomentalität“ am Werk.

Ihm schwebt vor, die Selbstverständigung der Kirche als säkulare Verfassungsdebatte zu führen. Aber hat nicht schon das Bundesverfassungsgericht festgestellt, es widerspreche dem Selbstbestimmungsrecht korporierter Religionsgemeinschaften, von ihnen „etwa eine demokratische Binnenstruktur zu verlangen“? Für eine kirchliche Verfassungsdebatte sind die säkularen Grenzen deshalb weiter gesteckt als man annehmen sollte. Hierarchische statt demokratische Entscheidungsverläufe sind per se noch kein Sektenmerkmal. Auch sakral-mystische, der aufgeklärten Vernunft spottende Gehalte sind von der Verfassung gedeckt und bieten als solche keinen Anlass, im Reformgespräch die Sektenkeule zu schwingen.

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