Wider den anthropischen Exzeptionalismus


Seit der Erstveröffentlichung des Manifestes „Wider den anthropischen Exzeptionalismus“ ist mehr als ein Jahr vergangen, und es ist an der Zeit für einen Rückblick auf einige Ereignisse, die mit diesem Text verbunden sind, bevor zukünftige Änderungen und Ergänzungen im Fokus stehen. Aktuell schreiben wir das Jahr 5 des Paktes für das Überleben der Spezies homo sapiens, der Agenda 2060.

Paul Nucleus | TELEPOLIS

Grafik: TP

Ducunt fata volentem, nolentem trahunt.
(Den Willigen führt das Schicksal, den Unwilligen zerrt es dahin.)

Seneca

„Unmenschliche“ Perspektive

Um Missverständnissen vorzubeugen, sei vorab noch einmal ausdrücklich darauf hingewiesen, dass sowohl der letztjährige als auch dieser Text die Perspektive der Biosphäre beschreibt, nicht die der Menschheit. Aus dieser Perspektive ist z.B. der „Naturschutz“ in Teilen eine Fehlkonstruktion: Schließlich vertraut man auch nicht Räubern und ihren Komplizen (dazu gehören auch diejenigen, die sich in der Rolle des „barmherzigen Samariters“ gefallen, aber nichts gegen die Täter unternehmen) die Fürsorge für ihre potentiellen Opfer an.

Aus der Perspektive der Biosphäre treten auch verbreitete ethische Doppelstandards deutlich hervor, die sonst etwa durch die Verwendung von „menschlich“ und „human“ als emotionsgeladene Wertbegriffe verschleiert werden (hier werden diese Begriffe ausschließlich deskriptiv für die Spezies homo sapiens benutzt). So wird von der Menschheit z.B. das Umbringen von einigen Promille bis Prozent der eigenen Spezies durch abartige historische Monster zum „Holocaust“ stilisiert, während die abartigen zeitgenössischen Monster in 44 Jahren mal eben 60% ihrer Wirbeltier-Mitgeschöpfe beseitigen und das als business as usual abtun. Unter Benutzung eines bewährten ethischen Totschläger-Begriffes darf man dann doch wohl von einem ekligen Super-Rassismus der Killerspezies human race sprechen. Der aktuell passende Kontrapunkt ist dann: life matters, präziser: NHLM – non-human lives matter.

Diese inakzeptable Einstellung der selbsternannten „Krone der Schöpfung“ wird begleitet von einer neuen Form der „Empathie“: Mitleid mit sich selbst statt Mitleid mit den Mit-Kreaturen, die erbarmungslos dezimiert und ausgerottet werden.

Für die Menschheit – und jeden einzelnen Angehörigen dieser Spezies – ist es an der Zeit, sich von den ekelhaften maßlosen Exzessen in positiver (Selbstbeweihräucherung) und negativer (Selbstbeweinung) Vergangenheits- und Gegenwarts-Verklärung zu emanzipieren und erwachsen zu werden – auch wenn das schwerfällt. Dann fällt es vielleicht auch leichter, sich aus dem Krebswachstumswahn zu verabschieden und sich nicht mehr von internationalen Kinderschänder- oder Finanzspekulanten-Banden den Kopf verdrehen zu lassen.

Falls Sie diese Einsicht überfordert – es wird Sie niemand daran hindern, auch weiterhin im Rahmen Ihrer Weltanschauungsfreiheit an die dieser Haltung zugrunde liegenden Ideologien zu glauben. Aber bitte beachten Sie: Nirgendwo steht, dass dieser Glaube keine Auswirkungen auf Ihr künftiges Dasein haben darf.

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