„Die Gläubigen wurden zu unmündigen Kindern“

Pius IX. nach einem Porträt von George Peter Alexander Healy, 1871

Der Kirchenhistoriker Hubert Wolf über Pius IX., die Rolle von Tradition und die vermeintliche Unfehlbarkeit des Papstes.

Joachim Frank | Frankfurter Runde

Papst Pius IX. macht in seinem Privatzug im italienischen Velletri Station. ©imago images/Artokoloro

Herr Professor Wolf, das Christentum gibt es seit 2000 Jahren. Sie sagen nun, die römisch-katholische Kirche, wie wir sie kennen, sei erst 150 Jahre alt. Wie kommen Sie auf diese Zeitrechnung?

Wir haben es heute mit einem auf den Papst konzentrierten Einheitskatholizismus zu tun. Bis weit ins 19. Jahrhundert aber war die römische Kirche genau das, was das Wort „katholisch“ eigentlich sagt: umfassend, vielfältig. Es gab nicht „den“ Katholizismus. Vielmehr bestanden zahlreiche verschiedene Modelle legitim nebeneinander. So gab es im 19. Jahrhundert ganz selbstverständlich aufgeklärte, fortschrittliche Katholiken und restaurative Kräfte. Es gab Romantiker und Pragmatiker, die sich mit den aufkommenden Nationalstaaten arrangieren wollten. Und dann gab es die Gruppe der sogenannten Ultramontanen, die „über die Berge“ nach Rom schauten, und die Kirche allein beim Papst gut aufgehoben sahen. Diese Partei übernahm im Langzeitpontifikat Papst Pius’ IX. zwischen 1846 und 1878 die alleinige Macht, indem sie alle anderen Gruppen verketzerte.

Warum?

Nach der „Katastrophe“ der Französischen Revolution suchten die Ultramontanen für die Kirche eine neue Identität und fanden sie in der Tradition. Im Grunde ist das der klassische Versuch von Gruppen und Institutionen, die Gegenwart durch Rückgriff auf die eigenen Ursprünge abzusichern. Wenn aber die dafür gewünschten Inhalte in der Tradition fehlen, dann phantasiert man sie sich kurzerhand hinzu und gibt sie als uralt aus. Mit Hilfe des Konzepts einer „Erfindung von Tradition“ (Eric Hobsbawm) zeige ich das für die katholische Kirche auf: Vieles von dem, was wir heute für „immer schon katholisch“ halten, ist eben gerade erst 150 Jahre alt und hat manchmal nur wenig mit den Ursprüngen des Christentums und einer vermeintlichen Unveränderlichkeit von Glauben und Lehre zu tun. Einen unfehlbaren Papst zum Beispiel gibt es auch erst seit 150 Jahren.

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