Belarus: „Der Geheimdienst schaut genau hin, was die Kirche macht“


Die Demonstrationen in Belarus reißen nicht ab. Während orthodoxe Christen nach dem Willen ihrer Führung zu Hause bleiben sollen, mischen sich andere Christen zunehmend unter die Protestierenden – und spüren den Druck der Regierung. Angelika Schmähling vom Osteuropa-Hilfswerk Renovabis spricht über die Situation vor Ort.

Gabriele Höfling | katholisch.de

Während die orthodoxen Christen von der eigenen Führung aufgerufen wurden, sich nicht an den Protesten gegen Präsident Alexander Lukaschenko zu beteiligen, bietet der Minsker Erzbischof Kondrusiewicz dem Despoten die Stirn. Von echter Religionsfreiheit waren die gut neun Millionen Katholiken in dem Land aber auch schon vor der Präsidentschaftswahl weit entfernt, sagt Angelika Schmähling vom Osteuropa-Hilfswerk Renovabis.

Frage: Frau Schmähling, was sagen Ihnen die Christen vor Ort, wie sieht die Lage aus?

Schmähling: Die vergangenen zwei Wochen waren von einer starken Dynamik gekennzeichnet. Zuerst gingen Frauen weißgekleidet und mit Blumen auf die Straße, dann kamen Ärzte hinzu und nach und nach haben sich auch die katholischen Christen eingeklinkt. Sie waren am Anfang sehr vorsichtig, aber der Minsker Erzbischof und Vorsitzende der belarussischen Bischofskonferenz, Tadeusz Kondrusiewicz, und auch andere Bischöfe, haben sich zunehmend deutlich gegen jede Gewalt, und eben auch gegen die staatliche Gewaltanwendung geäußert.

Frage: Hat das die Christen ermutigt, sich zu beteiligen?

Schmähling: Ja, es gehen immer mehr Menschen auf die Straße, aus allen Bevölkerungsschichten. Vor einigen Tagen gab es eine kilometerlange „Menschenkette der Buße“ durch Minsk, zu der sich Christen aller Konfessionen zusammengetan haben. Sie starteten am Wald „Kurapaty“, wo in der Sowjetzeit Massenerschießungen durchgeführt wurden und es noch immer Massengräber gibt – bis zu dem Untersuchungsgefängnis, wo heute Protestierende festgehalten und möglicherweise gefoltert  werden. Alle zusammen haben das Vater Unser gebetet. Das war ein starkes Zeichen mitten in der Öffentlichkeit. Die wichtige Botschaft der Kirchen ist eben die christliche, der Aufruf zu Frieden und Versöhnung und Dialog.

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