Revolution, Diktatur und Verschwörung – die spirituelle Szene auf politischen (Ab-)Wegen


Viele Jahre war die spirituelle Bewegung unpolitisch. Man beschäftigte sich mit dem Weg nach innen, mit Selbstverwirklichung und Erwachen. Die Corona-Krise und das allgemeine politische Klima in der Gesellschaft machen aber auch vor der Szene nicht halt. Politische Meme werden von spirituellen Menschen aufgegriffen und in ihr Weltbild eingebaut. Die Synthese von Spiritualität und Politik ist jedoch nicht so einfach.

Ronald Engert | TELEPOLIS

Bild: Ronald Engert

Die aktuelle Gefahr der spirituellen Szene besteht darin, dass sie ungewollt rechte Ideologie adaptiert, die eine gewisse Nähe zu mythischen und mystischen Inhalten hat. Es sollen deshalb in diesem Aufsatz einige Positionen des historischen Nationalsozialismus und ihre Nähe zu allgemein spirituellen Ideen aufgezeigt werden und wie diese mit der heutigen Lage korrespondieren.

Zielgruppe dieses Aufsatzes sind sowohl politisch eingestellte Menschen, die die spirituelle Szene besser verstehen möchten, als auch spirituelle Menschen, die eine Orientierung in den politischen und gesellschaftlichen Prozessen suchen. Überzeugte „Corona-Rebellen“1 werden von diesem Aufsatz sicherlich wenig begeistert sein.

Der Psychologe Wilhelm Reich (1897-1957) macht zu Beginn seines Buches „Massenpsychologie des Faschismus“2 darauf aufmerksam, dass es nicht ausreiche, die Vertreter der Reaktion lächerlich zu machen. Es sei vielmehr wichtig, ihre Stärken sowie ihre unzweifelhaft existierenden überzeugenden Motive zu erkennen. Reich schrieb sein Werk ab 1930 und veröffentlichte es im September 1933, wenige Monate nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten. Er ist deshalb ein Zeitzeuge, der die Geschehnisse in den Jahren vor der Machtergreifung direkt miterlebte.

Für ihn ist „plumpe Demagogie […] immer ein Zeichen der theoretischen und praktischen Schwäche und, weil sie nichts erzielt, objektiv konterrevolutionär“ (Reich, S. 7). Dies sagt er mit Blick auf die Gegner der Nationalsozialisten, die deren Stärke unterschätzt hatten. Man hatte damals von linker Seite die Neigung, die Rechten als Spinner oder Psychopathen hinzustellen. Dies war fatal und half den Nazis, die Macht zu ergreifen, da man sie zu lange nicht ernst nahm. Reich vermittelt uns als Zeitzeuge, „dass die Stärke der Nationalsozialisten ihre Überzeugtheit von ihrer göttlichen Sendung war“ (ebd.). Er beschreibt Hitler als einen „ehrlich überzeugten Fanatiker des deutschen Imperialismus“ (ebd.). Sie hätten Ziele, „die der einfache SA-Mann selbst brennend erstrebt: den Sturz des Kapitals; […] Hitler vermeint, das Volk zu befreien“ (8)3. Diese Aussagen weisen darauf hin, dass Hitler und seine Partei eine genaue Vorstellung ihrer politischen Ziele hatten und von einem großen Geist beseelt waren.

Laut Reich, einem überzeugten Kommunisten und Antifaschisten, ging es ihnen um die Befreiung vom Kapital, um ehrliche Überzeugung, ja sogar um ein göttliches Sendungsbewusstsein. Man wird Reich wohl nicht apologetische Überhöhung der Nazi-Ideologie unterstellen können. Seine Aussage zeigt indes, dass es sich aus der Sicht der Nationalsozialisten im Ursprung um große Ideen für die Menschheit handelte – natürlich nur für eine bestimmte Menschengruppe, die Deutschen, die andere Menschen, z. B. die Juden, dezidiert ausschloss.

Üblicherweise versteht sich eine nationalistische, imperialistische, sexistische oder rassistische Herrenklasse immer als Repräsentation der gesamten Menschheit. Dabei definiert sie sich nachgerade über den Ausschluss vermeintlich minderwertiger Untermenschen. Die Ideen an sich – Freiheit, Ehrlichkeit, Gottesbewusstsein – sind nicht verwerflich. Das Problem liegt in der Exklusion bestimmter Menschen, denen diese Rechte nicht zuerkannt werden. Da es in diesem Aufsatz um eine ideengeschichtliche Untersuchung geht, bleibe ich bei den Ideen.

Wo stehen wir heute?

Heute hören wir bei den aktuellen Widerstandsbewegungen, d. h. den Corona-Rebellen, den „alternativen Medien“ und ihrer Klientel und generell den Systemgegnern mitsamt den politisch indifferenten Strömungen, die die Unterscheidung von links und rechts ablehnen, ähnliche Töne. Die Rebellen sind überzeugt, „erwacht“ zu sein und verborgene Zusammenhänge zu erkennen, die der schlafenden Mehrheit nicht bekannt sind. Es geht ihnen um die Wahrheit und die Freiheit sowie die Grundrechte und den Sturz des totalitären Systems, wie es u. a. in der Symbolfigur des Bill Gates dargestellt wird. Die aus ihrer Sicht ehrenhaftesten Motive stehen am Ursprung dieser Bewegung.

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