Philosophin über das Verzeihen: „Man sollte nicht alles verzeihen“


Ist es immer richtig, eine zweite Chance zu geben? Die Osnabrücker Philosophie-Professorin Susanne Borhammer findet, man müsse genauer hinsehen.

Petra Schellen | taz

Zu viel Mist gebaut: Reue zu zeigen reicht nicht immer, um die Liebe zu retten Foto: Jochen Tack/imago

taz. Frau Boshammer, was bedeutet Vergebung für Sie?

Susanne Boshammer: Aus psychologischer Sicht hat Vergeben viel mit Versöhnung zu tun. Es geht darum, eine soziale Beziehung zu „reparieren“ und die Wut hinter sich zu lassen. Das betrifft Verletzungen generell – auch unabsichtliche oder solche, für die jemand gar nicht verantwortlich war. Die Philosophie sieht das Verzeihen – das ich hier mit dem ursprünglich auf Gott bezogenen Vergeben gleichsetze – als eine Reaktion auf Unrecht. Aber auch hier ist das Loslassen von Groll zentral. Ich denke aber, dass Verzeihen mehr ist als ein Gefühlswandel. Wer verzeiht, lässt nicht nur seinen Zorn hinter sich, sondern gibt dem anderen auch zu verstehen, dass der sich sein Verhalten nicht mehr vorwerfen muss. Er darf mit sich ins Reine kommen.

Ist Vergebung also eine Art Kitt der Gesellschaft? Da wir selbst Vergebung wünschen, vergeben wir auch?

Wenn wir bereit sind zu verzeihen, ist ein wichtiger Schritt für den Zusammenhalt getan. Verzeihen heißt allerdings nicht Versöhnen. Man kann jemandem verzeihen und sich trotzdem von ihm trennen. Auffällig ist, dass alle Weltreligionen – die ja großen Einfluss auf die Entwicklung der Moral hatten – eine Art „Verzeihensgebot“ kennen. Vielleicht, weil deren Wurzeln in eine Zeit reichen, in der die Menschen sozial eher immobil waren. Im Konfliktfall konnte man nicht einfach die Ehe oder die Dorfgemeinschaft verlassen. Heute sind wir zwar flexibler, aber wenn wir nicht permanent sozial auf der Flucht sein wollen, brauchen auch wir dieses Instrument, um konstruktiv mit Unrecht umzugehen.

weiterlesen