Ressentiment und Souveränismus


Unter den Linden steht am Samstag um halb Zehn ein „Friedenspanzer“, ein Bulli, der in großen Lettern „Stop Kapital Faschismus“ verkündet. Außerdem prangern an ihm die Schriftzüge „Bundeswehr abschaffen“ und eine alte Friedenstaube vor einem in deutsch-russischen Farben ausgefüllten Herz. Die Selbsterklärung in Nähe des Führerhäuschens verkündet: „Psst, dieser Fahrer träumt vom 1. Welt Frieden“, er fordert „Free Assange“ und in der hinteren Scheibe steht in falscher Orthographie: „Jedes Kind, dass heute VERHUNGERT, ist ERMORDET worden!!! Banken aber, werden GERETTET???“

Gerhard Hanloser | TELEPOLIS

Bild: Gerhard Hanloser

Ein jüngeres Pärchen läuft an dem Wagen vorbei. Der junge Mann ist in Deutschlandfahne gehüllt, sie in eine Stars-and-Stripes-Fahne. Eine Gruppe leicht adipöser mittelalterlicher Männer und Frauen steht unter einem Dreifachensemble von Nationalfahnen. Ganz oben ist die russische, ganz unten die amerikanische, in der Mitte die Reichsfahne. Auf ihren T-Shirts steht „Bereit für den Weltfrieden“, eine stilisierte Taube hält eine US- und Russland-Fahne in dem Schnabel. Hinten stehen auf den weißen T-Shirts in dicken Lettern drei Begriffe: „Friedensvertrag – Souveränität – Freiheit“.

Die an allen möglichen Stellen der Demonstration erhobene Forderung nach einem „Friedensvertrag“ und die Häufung der Reichsfahnen sind das deutlichste Zeichen, dass längst nicht mehr die Anliegen der Lockdown-Skeptiker bei den Aufzügen dieser Regierungskritiker dominierend sind. Präsent sind auf die Lockdown-Maßnahmen bezogene Kommentierungen natürlich immer noch wie jene auf dem Schild einer grauhaarigen Frau in geblümter Hose: „Die gesundheitlichen Folgen der Corona-Massnahmen: – Existenzängste, – Einsamkeit, – Depression, – Wenig frische Luft und Sonne, – Weniger Sport, – Weniger Aktivität – Und damit will man die Gesundheit der Bevölkerung schützen?“

Die rechte Szene der Souveränisten und Rechtsradikalen war in Form der Reichsbürger und ihren Fahnen deutlich stärker vertreten als auf der Großdemonstration am 1. August oder gar den Aufzügen der Hygienedemonstranten vor der Volksbühne. Von diesem Kern ging der „Sturm auf den Reichstag“ aus, der von den Medien skandalisiert wurde, womit wiederum das Anliegen und der Verlauf der Hauptdemonstration in ihrer auffallenden Friedfertigkeit und Diversität überlagert wurden. Auch wurde dabei übersehen, dass es den Rechten gelungen war, sich ganz ohne die Episode der Reichstags-Attacke mit aggressivem Agenda-Setting auf der Demonstration gegen die regierungsamtlichen Corona-Maßnahmen als selbstverständlichen Teil des Protestgeschehens zu verankern. Dem kam entgegen, dass Reichbürgergedankengut nicht erst von außen an die Demonstrationen herangetragen werden musste, sondern sich vor dem Hintergrund einer verselbständigten Rede von der „Corona-Diktatur“ unter den „Coronarebellen“ ganz von selbst entwickelte.

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