„Das Attentat auf ‚Charlie Hebdo‘ war wie ein verspätetes Erwachen“


Politikwissenschaftler Hugo Micheron über Quellen des islamistischen Terrorismus in Frankreich, seine Gespräche mit Dschihadisten – und über den nun beginnenden Prozess gegen die Hintermänner der Anschläge von 2015.

Nadia Pantel | Süddeutsche Zeitung

Beobachtet den Prozess gegen die Hintermänner des Charlie-Hebdo-Anschlages: Politikwissenschaftler Hugo Micheron (Foto: Francesca Mantovani)

Am 7. Januar 2015 stürmten die Terroristen Saïd und Chérif Kouachi die Redaktionsräume der Satirezeitschrift Charlie Hebdo und töteten zwölf Menschen.

Einen Tag später schritt auch der mit den Kouachi-Brüdern befreundete Amédy Coulibaly zur Tat. Am 8. Januar erschoss er eine Polizistin im Pariser Vorort Montrouge, am 9. Januar überfiel er einen koscheren Supermarkt, indem vor allen Dingen Juden einkaufen. Bei der anschließenden Geiselnahme kamen vier Menschen ums Leben.

Fünfeinhalb Jahre nach den Morden beginnt in Paris der Prozess gegen 14 Hintermänner der Anschläge, die Attentäter selbst wurden bei Polizeieinsätzen getötet. Der Politikwissenschaftler Hugo Micheron wird während des Prozesses im Publikum sitzen. Er erforscht die Entstehung terroristischer Netzwerke in Frankreich. Im Januar ist sein Buch „Le Jihadisme français. Quartiers, Syrie, Prisons“ (Der französische Dschihadismus. Quartiers, Syrien, Gefängnisse) erschienen. Das Buch ist aus seiner Doktorarbeit hervorgegangen, für die er in französischen Gefängnissen 80 selbsterklärte Dschihadisten interviewt hat.

SZ: Was erhoffen Sie sich als Wissenschaftler vom Charlie Hebdo-Prozess? Und was bedeuten die kommenden 50 Verhandlungstage für die französische Gesellschaft?

Hugo Micheron: Wie wichtig der Prozess ist, kann man auch daran sehen, dass er vollständig gefilmt und archiviert wird, das geschieht nur, weil der Prozess schon jetzt als historisch gilt. Mich persönlich interessiert es zu verstehen, wie sich dschihadistische Strukturen lokal verankern. Wie es dazu kommt, dass so extremes Gedankengut in manchen Umfeldern als normal gelten kann. Für die französische Bevölkerung ist der Prozess wichtig, weil er zeigt, dass der Staat wieder Herr der Lage ist. Vor fünf Jahren war es, als würde das Land in seinem Herzen getroffen. Die Kouachi Brüder waren nach dem Attentat 48 Stunden auf der Flucht, der Staat wirkte ohnmächtig. Dieses Gefühl der Fassungslosigkeit und Lähmung zu verbreiten, ist ja ein Ziel der Terroristen.

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