Pandemien: Gottes Strafe, Gottes Hilfe


Die christliche Kunst in Zeiten von Pandemien rief die Gläubigen auf: Hofft auf den Herrn und steht den Kranken bei. Welches Bild zeigt die Kirche heute?

Joachim Frank | Frankfurter Rundschau

„Der Heilige Rochus heilt die Pestkranken“ (Ausschnitt) von Tintoretto (1518-1594). ©dpa

Die Kulturgeschichtler Eva-Bettina Krems und Jens Niebaum sprechen im FR-Interview über das Bild der Pandemien in der christlichen Kunst.

Frau Krems, Herr Niebaum, haben Pandemien auch etwas Schönes?

Eva-Bettina Krems: Krisenzeiten sind etwas Herausforderndes, auch für die Kunst. Deshalb haben die Pandemien vergangener Jahrhunderte, insbesondere die verschiedenen Ausbrüche der Pest, immer auch die Künstler auf den Plan gerufen. Sie brachten ins Bild, wie man der Gefahr zu begegnen suchte. Und wenn es nicht leicht zynisch klänge, könnte man also schon sagen, dass Pandemien einen ästhetischen Ertrag hatten.

Was sind die Formen der Pandemiebekämpfung, die in der Kunst dargestellt wurden?

Krems: Zumeist waren es die Vorstellungen der Religion, konkret des christlichen Glaubens und der Lehre der Kirche. Man kann sogar sagen: Theologie und Kunst waren sehr präzise aufeinander abgestimmt. Die jeweiligen weltlichen und geistlichen Herrscher hatten einerseits ein hohes Interesse daran, dass die Bevölkerung moralisch gestärkt und zum Durchhalten angehalten wurde. Andererseits wollten sie sich als diejenigen inszenieren, die mit ihrer Macht und mit Gottes Hilfe der Gefahr Einhalt gebieten und die Not beenden konnten. Für beides gaben die Theologen den Künstlern oft auch die Motive vor.

Wie sah das aus?

Jens Niebaum: Die Kirche rief zu kollektiven Bittgebeten oder Bittprozessionen auf. Oder sie regte Gelübde an, die es zu erfüllen galt, sobald Gott sie erhörte. Daher rühren dann eine Fülle bekannter und unbekannter Kunstwerke: Votivbilder, Votivkirchen, oder denken Sie an die Pestsäulen auf den Plätzen vieler Städte in den ehemals habsburgischen Ländern.

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