Sturm auf den Reichstag – Sturm im Wasserglas


Stellen Sie sich vor, die ganz Bösen, also die Autonomen (für die Älteren), die Antifa (für die Jüngeren) und die RAF 3.0 (für alle zusammen) hätten zum Sturm auf den Reichstag aufgerufen. Dafür hätte es ganz viele Likes und blutrünstige Zustimmung im Internet gegeben und eine entsprechende Mobilisierung wäre ebenfalls zu erkennen gewesen. Und natürlich hätte es auch zahlreiche Warnungen aus allerlei „Sicherheitskreisen“ gegeben, die vor gewalttätigen Ausschreitungen gewarnt hätten, um alle „Unbeteiligten“ auf die ganze Härte des Rechtstaates vorzubereiten und die Einsatzpläne entsprechend zu schärfen.

Wolf Wetzel | TELEPOLIS

„Sturm“ auf die Treppe des Reichtags. Screenshot von YouTube-Video

Stellen Sie sich dieses Untergangs- und Schreckensszenario einmal vor, um dann das Folgende für absolut normal und realistisch zu halten:

Zuerst wird dieser teuflischen Allianz ohne Probleme eine Kundgebung zu Füßen des Reichstages genehmigt. Sie ist ausdrücklich von den Verbotsanträgen ausgenommen, die andere Demonstrationen mit ähnlichem Anliegen untersagen sollen. An besagtem Kundgebungsort wird rechtzeitig fast alles abgezogen, was man an diesem Tag an Polizeikräften zusammengezogen hat. Ohne alles zu verraten: An diesem Tag sind mindestens 3.000 Polizisten im Einsatz, also das, was man offiziell „kommuniziert“. 2.997 Polizeibeamte sind im entscheidenden Augenblick woanders, unter anderem, wie schrecklich und passend, vor der russischen Botschaft. Alleine die Erwähnung der „russischen Botschaft“, also etwas Russisches, sollte ausreichen, um zu erklären, dass man einfach nichts mehr zum Schutz des Reichtages übrighat, das Parlamentsgebäude einfach blank bleiben musste.

In Folge passiert exakt das, wovor die einen gewarnt, worauf die anderen sehnlichst hin gefiebert haben: Ein paar Hundert überwinden spielerisch die Absperrgitter, die man einfach nur hingestellt hat, um zu zeigen, dass man zu allem bereit ist und dass man gerade von den ganz Gewaltbereiten erwarten darf, dass sie sich an das halten, wofür ein Absperrgitter dem Namen nach sorgen soll. Völlig unerwartet und ohne sich zu verausgaben rennen diese paar Hundert in Richtung Reichstag und steigen die Treppen zum Olymp hinauf. Dort werden sie genau von drei Polizisten erwartet, die von den .000 zurückgelassen wurden.

Die drei Polizisten haben keine Chance und nutzen sie. Sie erklären den Treppenstürmern, dass das jetzt und so nicht geht. Die Drei geben alles, sind für ein paar gute Augenblicke Opfer und wenig später (und nicht viel später für immer) Helden, die die Demokratie in einem entscheidenden Moment gerettet, also verteidigt haben. Nachdem alles im Kasten ist, die drei unerschrockenen Polizisten, ein paar Reichsfahnen, die nicht sofort und schon gar nicht zwingend, sondern erst später für das Gegenteil stehen sollen.

Nachdem alle (Seiten) hatten, was sie wollten, kam ganz schnell das, was man vorher partout nicht auf Lager hatte: Polizeibeamte in genügender Zahl, um den Reichstag zurückzuerobern, also die Treppe.

Dass all dies so nicht passiert wäre, wenn „Linke“ einen solchen Sturm angekündigt hätten, ist hoffentlich nicht schwer nachzuvollziehen.

Dass die ganze Situation am 29. August 2020 in Berlin, vor dem Reichstag, an Lächerlichkeit nicht zu überbieten ist, ist schon der Rede wert. Eine Lächerlichkeit, die sich beide Seiten gerecht teilen können, jene, die den Reichstag „gestürmt“ hatten, und jene, die ihn als Inbegriff der Demokratie verteidigen wollen.

Das offizielle Berlin, also alle Parteien, verurteilten die unglaublichen Ereignisse vor dem Reichstag. Sie wären eine Schande für die Demokratie, man habe sich im Ausland blamiert … ein ganz schlechtes Bild abgegeben … warum nicht hier, fragt man sich ganz nebenbei. Wie könne man es zulassen, dass „Rechtsextreme“, Neonazis und Reichsbürger eine solch feine Bühne bekommen haben. Man ist – so dermaßen geübt – wieder schockiert und man ruft sofort nach allerlei Konsequenzen, die nichts, aber auch ganz nichts mit dem Ereignis zu tun haben.

Denn das Eigentliche verschweigen doch alle „aufrechten Demokaten“, wozu auch die parlamentarische Opposition gehört: Es handelt sich bei diesem Ereignis um keine Panne, um keinen Blitz, der Polizei, Politik und Geheimdienste aus heiterem Himmel getroffen haben soll. Es ist ein Ereignis, das man wollte, das man zuließ, an dem diejenigen den größten Anteil hatten, die so etwas zu verhindern vorgeben.

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