„Bei Israel geht es immer um entweder oder“


Warum schwanken die Deutschen zwischen Unterwürfigkeit und überzogener Kritik, wenn es um Israel geht? Und gibt es ein Zaubermittel gegen Antisemitismus? Ein Gespräch mit Cilly Kugelmann und Wolf Iro.

Inge Günther, Bascha Mika | Frankfurter Rundschau

Jerusalem im Juni: Junge Frauen und Männer feiern auf dem Zion-Platz. ©imago images/ZUMA Wire

Anders als im modernen Fußball fehlt beim Thema Antisemitismus die Technik, um über Abseits-oder-nicht entscheiden zu können. Sagt der israelische Historiker Moshe Zimmermann. Besonders beim Israel-bezogenen Antisemitismus sei das Abseits unklar. Frau Kugelmann, Herr Iro, können Sie uns aufklären, wo das Abseits beginnt?

Cilly Kugelmann: Ich verstehe gar nichts von Fußball und weiß auch nicht, was Abseits ist. Aber tatsächlich ist auch mir ein Fußballvergleich eingefallen, als wir im Jüdischen Museum über Antisemitismus diskutierten: Alle reden darüber, alle scheinen etwas darüber zu wissen und unterschätzen dabei, wie komplex die Sache ist.

Wolf Iro: Moshe Zimmermann ist ein großer Fußballfan und er hat recht. Oft fällt es schwer zu entscheiden, ob es sich um Kritik an Israel handelt oder um antisemitische Ressentiments. Hinzu kommt, dass die Kritik an Israel ja an vielen Punkten berechtigt ist. Wem Israel am Herzen liegt – und das sollte es uns allen – der muss bestimmte gesellschaftliche Zustände in dem Land kritisieren.

Das müssen Sie erklären…

Iro: Die israelische Gesellschaft hat in den letzten Jahren eine sehr bedenkliche Entwicklung genommen, zivilgesellschaftliche und demokratische Errungenschaften wurden abgebaut, die Besatzung verfestigt. Dies zu kritisieren hat nichts mit einer antisemitischen Haltung zu tun, sondern mit der Sorge um das Land.

Kugelmann: Antisemitismus ist immer kontextabhängig. Deswegen ist er so schwer zu definieren. Diese Kontextabhängigkeit hat auch etwas mit Sprache zu tun. Bereits die Sprachformel Israel-Kritik oder Israel-kritisch ist ein Problem. Im Duden ist es das einzige Land, bei dem es diesen Zusatz gibt. Es geht aber nicht darum, Staaten zu kritisieren, sondern Regierungen, politische Maßnahmen und gesellschaftliche Verhältnisse. Wenn man präzise bleibt, gerät man doch gar nicht in den Verdacht, ressentimentgeladen zu sein. Je pauschaler die Sprache, desto mehr muss man sich fragen, ob die Kritik angemessen ist.

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