Religionsforscher: «Gefahr der ‹braunen Esoterik› ernstnehmen»


Bei den kleineren und grossen Protesten gegen Corona-Massnahmen im In- und Ausland stechen immer wieder zwei Gruppierungen hervor: Rechtsradikale und Esoteriker. Der «esoterische Neonazismus» habe sich in der Nachkriegszeit entwickelt und die Ablehnung der Schulmedizin als gemeinsamen Nenner, erklärt Religionswissenschaftler Julian Strube.

Igor Basic | SRF

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SRF News: Inwieweit sind Esoterik und Rechtsextremismus historisch miteinander verknüpft?

Julian Strube: Im 19. Jahrhundert finden wir uns in sozialreformerischen Kontexten sowohl auf dem linken wie auf dem rechten politischen Spektrum wieder. Es geht um alternative Lebensformen, Ernährung, Gesundheit, verschiedene Formen des Zusammenlebens. Diese werden Ende des 19. Jahrhunderts besonders in völkischen Kreisen und im diffusen Bereich der Lebensreform politisch stark mit rechtem Gedankengut in Verbindung gebracht.

Zur Zeit des Nationalsozialismus wird das sehr ambivalent und unterschiedlich aufgenommen. Es hängt sehr stark von Persönlichkeiten ab. Heinrich Himmler beispielsweise hat sich für Anthroposophie (Rudolf Steiner) und besonders für biodynamischen Ackerbau interessiert. Andere Leute wie Martin Bohrmann, Joseph Goebbels und Adolf Hitler selbst haben das polemisch abgelehnt.

In der Nachkriegszeit entwickelt sich dann etwas, das ich «esoterischen Neonazismus» nenne. Vor dem Hintergrund einer Vermischung nationalsozialistischer, neonazistischer, völkischer und New-Age-Ideen.

Ich nenne es «esoterischen Neonazismus»: Eine Vermischung nationalsozialistischer, neonazistischer, völkischer und New-Age-Ideen.

Autor: Julian StrubeReligionswissenschaftler

Sie sprechen von New-Age-Spiritualität bei der Neuen Rechten von heute. Welche Denkmuster teilen diese beiden Szenen heute?

Ich würde grundsätzlich nicht von «zwei» Szenen sprechen, weil es sich um sehr unterschiedliche Milieus handelt, die sehr unterschiedliche Individuen und Gruppen umfassen. Allerdings gibt es einen gemeinsamen Nenner: Die Ablehnung der als hegemonial wahrgenommenen Schulmedizin und die Berufung auf ein esoterisches, buchstäblich geheimes Wissen. Dieses wird von solchen Eliten, die ja auch mit der Medizin zusammenhängen, unterdrückt. Das kann inhaltlich sehr unterschiedlich gefüllt werden. Der Schritt zu antisemitischen Denkmustern ist ein kleiner, muss aber nicht getan werden.

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