Cancel Culture ist unmodern!


Warum ein einfacher Appell zweier Schriftsteller für Streit sorgt und warum ich unterschrieben habe

Ralf Bönt | TELEPOLIS

Bild: Joao Cruz/unsplash

Was ist beleidigender, Werbung mit der Bezeichnung Zigeunersauce zu machen oder die Unterstellung, es könnte sich jemand davon angegriffen fühlen? Antwort: Kommt drauf an, wie man es sieht. Ist das Gendersternchen eine Kennzeichnung von Sexismus oder seine finale Manifestation? Kann man so sehen oder so. Das gilt aber nicht für alles im Leben.

Vor einer Zeit geriet ich einmal mit Liane Bednarz in Streit, weil ich es nicht für ein taugliches Argument halte, etwas sei die Position der AfD und damit indiskutabel. Es ging um die Feststellung Alexander Kisslers im Presseclub, Frau Merkel habe Entscheidungen 2015 nicht ausreichend kommuniziert. Entscheidet jetzt die AfD, wer was wie diskutiert? Bitte nicht. Wenn ich diesen Satz Kisslers für richtig halte, gilt das auch nicht automatisch für jeden Satz des Kollegen. Klar, oder? Nein, offenbar nicht.

In den letzten Tagen füllten zwei oder drei Kollegen meine Mailbox mit zahlreichen Proben ihrer recht mittelmäßig beherrschten Kunst der Herabsetzung und Beleidigung. Was war passiert? Ich habe einen Aufruf gegen Konformismus der beiden Autoren Milosz Matuschek und Gunnar Kaiser unterschrieben, sie hatten mich sehr freundlich darum gebeten. Seitdem wird in Miniaturdebatten fröhlich gespielt, was im angelsächsischen gern flipping la tortilla genannt wird. Man kennt es bei uns vielleicht als Schwarzer Peter. Mich erinnert es am ehesten an die schöne alte Frage, ob nun die Bahn vom Bahnhof losfuhr oder der Bahnhof von der Bahn. Die einfache Lösung: Jedem seinen Standpunkt, – respektive jeder ihren natürlich!! – scheint unbekannt. Deshalb eine kurze Bemerkung.

Da längst die Sekundärtexte den Ton angeben, lohnt es, an Taucherbrille und Klickfest vorbei nochmal schnell zu wiederholen, was die Autoren schrieben:

Wir erleben gerade einen Sieg der Gesinnung über rationale Urteilsfähigkeit. Nicht die besseren Argumente zählen, sondern zunehmend zur Schau gestellte Haltung und richtige Moral. Stammes- und Herdendenken machen sich breit. Das Denken in Identitäten und Gruppenzugehörigkeiten bestimmt die Debatten – und verhindert dadurch nicht selten eine echte Diskussion, Austausch und Erkenntnisgewinn. Lautstarke Minderheiten von Aktivisten legen immer häufiger fest, was wie gesagt oder überhaupt zum Thema werden darf. Was an Universitäten und Bildungsanstalten begann, ist in Kunst und Kultur, bei Kabarettisten und Leitartiklern angekommen.

Die häufigsten Gründe der Ablehner und Ablehnerinnen waren: 1. Der Aufruf ist selbst, was er bekämpft, wobei nicht existiert, was er bekämpft, sondern erfunden ist. 2. Die beiden Autoren sind politisch rechts, und das sind auch die meisten der Unterzeichnenden. 3. Alles ist Markt, egal was.

Ich kenne beide Autoren persönlich und habe nach kurzem Zögern unterschrieben. Mir ist nicht verborgen geblieben, dass sie zuletzt den Pandemieskeptikern das Wort redeten, die ich rechts ansiedele, falls diese Sortierung noch was taugt. Kaiser erfand jetzt sogar das hochkomische Wort von den Ewigmorgigen, und meinte damit jene, die vor der Anwendung der Infektionsschutzgesetze nicht gleich in die weichen Knie gehen und das Ende der Demokratie fantasieren. Ein Ewigmorgiger bin ich eh gern.

weiterlesen