Der tiefe Sturz des hohen Nordens


Blick zum Nordpol Foto: AP

„Arktisch“ bedeutet „Nahe am Bären“. Damit war in der Antike ein Sternbild gemeint. Außer diesem wird von der Erwärmung rund um den Nordpol nichts verschont bleiben. Beim Eis fängt es an.

REBECCA HAHN | Frankfurter Allgemeine Zeitung

Arktische Todesspirale nannte der amerikanische Geograph Mark Serreze die untenstehende Abbildung, als er sie zum ersten Mal sah. Die farbigen Linien veranschaulichen die Volumina arktischen Meereises in den einzelnen Monaten im Jahreslauf – und ihre Krümmung nach innen den dramatischen Schwund der vergangenen vierzig Jahre. Wäre die Situation in der Arktis seit 1979 unverändert geblieben, sähe die Figur nicht spiralförmig aus, sondern wie zwölf geschlossene Umläufe. Stattdessen biegen sie sich einwärts, und die schwarze Linie des Septembers – des Monats, in dem die arktische Meereismenge jedes Jahr ihr Minimum erlebt – ist schon dicht an das Zentrum herangerückt. Weniger als 50.000 Kubikmeter Meereis sind im aktuellen September 2020 noch übrig. „Wenn es so weitergeht, wird es in dreißig bis fünfzig Jahren im September überhaupt kein Meereis mehr geben“, sagt Christian Haas, der die Sektion Meereisphysik am Alfred-Wegener-Institut (AWI) in Bremerhaven leitet. Alle Vorhersagen deuteten darauf hin. 

„Wenn es so weitergeht, wird es in dreißig bis fünfzig Jahren im September überhaupt kein Meereis mehr geben.“

Christian Haas, Leiter der Abteilung Meereisphysik am Alfred-Wagner-Institut

Zur Fläche des Meereises zählen Wissenschaftler die Wasserflächen, die zu mindestens fünfzehn Prozent mit Eis bedeckt sind. Die Ränder dieser Fläche werden seit dem Jahr 1979 kontinuierlich mit Satelliten überwacht. „Der Meereis-Datensatz ist einmalig“, sagt Haas. Über kaum einen anderen Klimaparameter lägen so lange zuverlässige Zeitserien vor.

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