Die religiöse Aufladung des Staates hat noch nie zu mehr Frieden und Glück geführt


Der Bibelwissenschaftler Joachim Kügler befasst sich rein beruflich mit der Vergangenheit. Als Problem der Problem diagnostiziert er: “Wir wissen zu viel, und wir haben keinen Überblick”. Dennoch warnt er davor, vom Staat zu viel zu erwarten. Die religiöse Aufladung des Staates hat noch nie zu mehr Frieden und Glück geführt.

Joachim Kügler | The European

Jesusfigur auf einer Deutschlandfahne, Foto: imago images / Steinach

Als Bibelwissenschaftler befasse ich mich professionell mit Texten, die jahrtausendealt sind, bin also eher Spezialist für die Vergangenheit. Hinsichtlich der Gegenwart bin ich dagegen ein Laie. Trotzdem ist es vielleicht nicht nur meine Déformation professionnelle, die mir die Vergangenheit als etwas erscheinen lässt, was leichter zu verstehen ist als die Gegenwart. Das Problem mit der Gegenwart ist: Wir wissen zu viel, und wir haben keinen Überblick. Wir sind im Gegenwärtigen verwickelt, und es gibt keinen Turm, auf den man steigen könnte, um sich einen Überblick zu verschaffen. Deshalb behelfen sich Gegenwartswissenschaften damit, dass sie die Komplexität der Wirklichkeit reduzieren. Die Demoskopie etwa tut dies, indem sie auswählt und eben nicht alle Deutschen interviewt, sondern 1.000 – mit möglichst reduzierten Fragen. Würde man dagegen alle auffordern, ohne Einschränkungen zu sagen, was sie vom Leben halten, dann wäre schon die Dokumentation eine Herausforderung, von Analyse und Deutung einmal ganz zu schweigen. Damit wäre man dann genau bei dem, was Gegenwart ausmacht: Wir wissen zu viel und verstehen zu wenig.

Vergangenheit ist dagegen viel übersichtlicher. Je weiter wir zurückgehen, desto mehr Informationen sind verloren gegangen. Die existierenden Quellen sind regional, zeitlich, kulturell und sozial extrem eingeschränkt. Selbst bei einer Kultur wie dem alten Ägypten, die über etwa drei Jahrtausende außergewöhnlich gut dokumentiert ist, ist die Fülle der Quellen über weite Strecken auf wenige Kontexte beschränkt – vor allem auf Kult und Begräbnis – und mit der ägyptischen Oberschicht verbunden, die knapp ein Prozent der Bevölkerung ausmachte. Die übrigen 99 Prozent sind im Dunkel des Vergessens verschwunden, haben kaum Spuren ihres Denkens, Fühlens und Handelns hinterlassen. Das ist aus der Perspektive eines Menschenbilds, das den Armen und Machtlosen die grundsätzlich gleiche Bedeutung zuschreibt wie den Eliten, natürlich höchst bedauerlich, aber für die Analyse ist diese Begrenzung der Quellen ein Glücksfall. Je weniger wir wissen, desto besser können wir analysieren und interpretieren.

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