Attentat auf „Charlie Hebdo“: Sie fühlt sich schuldig, weil sie überlebt hat


Die Wunden sind noch lange nicht verheilt: Fünf Jahre nach dem Terroranschlag auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ stellt sich Frankreichs Justiz den erschütternden Berichten einer Zeugin.

Stefan Brändle | Frankfurter Rundschau

Das mediale Interesse an Zarie Sibony wird vergehen – ihre Erinnerungen werden bleiben. ©AFP

Es mag absurd klingen, aber Zarie Sibony, seinerzeit Kassiererin in dem jüdischen Supermarkt HyperCacher in Paris-Vincennes, erinnert sich an ein Detail: Sie schiebt gerade ein gefrorenes Hähnchenfilet übers Rollband, als ein schwerbewaffneter Mann hereinstürzt. 13.04 Uhr, 9. Januar 2015. Zarie denkt an einen Überfall, bietet den Kasseninhalt an, doch der Eindringling lacht nur: „Glaubst du wirklich, dass ich fürs Geld gekommen bin? Hast du nicht gehört, was seit zwei Tagen bei ,Charlie Hebdo‘ abgeht?“

Da versteht Zarie. Die 22-Jährige muss mitansehen, wie „der Terrorist“ – sie nennt ihn nur so – auf ihren ebenso jungen Kollegen Yohan Cohen schießt. Dann fragt er einen Kunden: „Wie heißt du?“. – „Philippe.“ – „Philippe wie?“ – „Braham.“ Zwei Schüsse fallen, der 45-Jährige ist tot. Weil der Name jüdisch klang. Den anderen 17 Kunden im Laden sagt Amedy Coulibaly – so heißt der Angreifer –, er hasse „zwei Dinge“: Juden und Franzosen.

Dann wendet er sich wieder der Kassentheke zu, unter der sich Sibony zu verstecken versucht. „Ha, bist du noch nicht tot?“, frotzelt er. So erzählt es die heute 28-Jährige im Pariser Justizgebäude. Dort macht sie tapfer ihre Aussage vor den vielen Richtern, Anwälten, Angeklagten und Zuschauern, die sich auf vier über Kameras verbundene Säle verteilen. „Ich war sicher zu sterben“, sagt sie; „ich betete, dass es wenigstens schnell gehen würde, mit einem Kopfschuss oder so, nicht lang und schmerzvoll wie bei Yohan.“ Der ringt während der vier Stunden dauernden Geiselnahme mit dem Tod. Ihr Ende erlebt er nicht mehr.

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