Wenn Kardinäle zurücktreten: Kirchenfürsten im Ausnahmezustand


Lange hatten Kardinäle wenig zu befürchten: Nach einem erzwungenen Rücktritt vor 90 Jahren wurde kein Kardinal seines Amts enthoben. Dann kam es unter Franziskus Schlag auf Schlag: O’Brien, McCarrick und jetzt Becciu. Doch was bedeutet es eigentlich, die Kardinalswürde oder die damit verbundenen Rechte zu verlieren? Eine kirchenrechtliche Analyse.

Felix Neumann | katholisch.de

Die Kardinalswürde ist unverlierbar. Dieser Grundsatz galt lange als so selbstverständlich, dass er keiner Begründung bedurfte – im renommierten „Handbuch des katholischen Kirchenrechts“ etwa wird die Aussage gar nicht belegt. Der Rücktritt des Jesuitenkardinals Louis Billot 1927 ist dort nur eine historische Fußnote, die nicht näher ausgeführt wird. Seine Demission nach einem Streit über sein Engagement für die monarchistische „Action française“ blieb die einzige im 20. Jahrhundert. Heute ist die Unverlierbarkeit des Kardinalats keine Selbstverständlichkeit mehr. Mit dem Rücktritt von Giovanni Angelo Becciu von den mit der Kardinalswürde verbundenen Rechten sind im Pontifikat von Franziskus schon drei Kardinäle in verschiedener Weise ihrer Ämter und Privilegien enthoben worden.

Ein kirchenrechtliches Verfahren speziell dafür gibt es nicht, nur allgemeine Regelungen zum Verzicht auf Privilegien und Kirchenämter. Der Codex Iuris Canonici, das Gesetzbuch der Kirche, kennt zwar den Rücktritt eines Kardinals aus dem aktiven Kuriendienst. Wie Bischöfe sind sie mit 75 Jahren gehalten, dem Papst ihren Rücktritt anzubieten. Mit 80 Jahren verlieren sie auch das Recht, in einem Konklave den neuen Papst mitzuwählen. Kardinäle bleiben sie jedoch – insofern ist die Würde unverlierbar, auch wenn die Erhebung zum Kardinal kein Sakrament ist.

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