Die Mär vom christlich-jüdischen Abendland


Ständig wird im Namen „unserer Wertegemeinschaft“ vor „importiertem Antisemitismus“ gewarnt. Doch die größte Gefahr für Juden kommt nicht von auswärts

Hanno Loewy | DERSTANDARD

„Sie haben das Recht zu wissen, was Brüssel vorhat“: Mit dieser Plakatkampagne machte der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán gegen den „konspirativen“ Einfluss von George Soros Stimmung. Foto: AP

Rechtskonservative und rechtspopulistische Regierungen in Österreich und anderen europäischen Ländern bekennen unisono ihre Liebe zu einem „christlich-jüdischen Abendland“. Dies dient der Rechtfertigung der eigenen restriktiven Migrationspolitik. Auch der Kampf gegen den Antisemitismus ist nicht aufrichtig gemeint, sondern wird dazu genützt, linksliberale Positionen anzugreifen. Die größte Gefahr für Juden geht indes immer noch von der Mitte der Gesellschaft aus.

Kennen Sie den? Mayer will verreisen. Auf dem Bahnhof in Wien, schon auf dem Bahnsteig, fällt ihm ein, dass er noch schnell auf die Toilette muss. Er fragt herum: „Entschuldigung, können Sie mir sagen, sind Sie Antisemit?“ „Ich? Also, das ist eine Unterstellung. Ich liebe die Juden.“ „Schon gut, Sie können mir offenbar nicht helfen.“ Und er wendet sich an den Nächsten: „Verzeihung, sind Sie Antisemit?“ „Also wirklich, ganz und gar nicht. Ich liebe Israel, so ein wunderbares Land, so wehrhaft gegen …“ „Lassen Sie’s gut sein.“ Und wieder wendet er sich an den Nächsten. „Bitte, können Sie mir sagen, sind Sie Antisemit?“ „Ja was, natürlich, die Juden herrschen überall, sogar das Wetter …“ „Vielen Dank, Sie sind ehrlich. Können Sie kurz auf meinen Koffer aufpassen?“

Österreichs „Integrationsministerin“ Susanne Raab liebt es, Deutschlands AfD liebt es, Viktor Orbán liebt es, Identitäre lieben es, Kanzler Sebastian Kurz liebt es, die CSU liebt es, Donald Trump und Martin Engelberg lieben es: das „christlich-jüdische Abendland“. H.-C. Strache liebt sogar das „christlich-jüdisch-aramäische Erbe“. Aber das interessiert inzwischen kaum noch jemanden. Ich weiß nicht mehr genau, wann der jüdisch-christliche Dialog, der in den 1950er-Jahren unter dem Eindruck der Shoah – und dem kritischen Nachdenken unter Christen – begonnen hat, von der Parole des „christlich-jüdischen Abendlandes“ vereinnahmt wurde.

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