„Die Ostdeutschen haben gelernt, gut ohne Glaube und Kirche zu leben“


An diesem Samstag begeht Deutschland den 30. Jahrestag der Deutschen Einheit. Aus diesem Anlass spricht der Leipziger Religionssoziologe Gert Pickel im katholisch.de-Interview über den Stand der religiösen Wiedervereinigung von Ost und West – und die schwierige Lage des Christentums speziell in Ostdeutschland.

Steffen Zimmermann | katholisch.de

Wie steht es 30 Jahre nach der Deutschen Einheit um das Christentum in Ostdeutschland? Und wie sehr unterscheiden sich die religiöse Landschaft und die Lage der Kirchen zwischen Ostsee und Erzgebirge von der Situation in Westdeutschland? Zu diesen Fragen nimmt der Leipziger Religionssoziologe Gert Pickel im Interview mit katholisch.de Stellung. Außerdem erläutert er, wo das Christentum im Osten trotz der dort herrschenden „Kultur der Konfessionslosigkeit“ auch in Zukunft Überlebenschancen hat und was die Kirchen dafür tun müssen.

Frage: Herr Pickel, an diesem Samstag begeht Deutschland den 30. Jahrestag der Deutschen Einheit. Aus diesem Anlass wird wieder einmal darüber diskutiert, ob die Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten gelungen ist oder nicht. Wie lautet dazu mit Blick auf die Situation von Glaube und Kirche in Ost und West Ihr Befund?

Pickel: Es zeigt sich auf jeden Fall ein ambivalentes Bild. Zwar kann man sicher sagen, dass die religiöse Wiedervereinigung insgesamt geglückt ist: Die Kirchen und ihre Gläubigen in Ost und West sind – abgesehen von gelegentlich zu beobachtenden Verständigungsproblemen – in den vergangenen drei Jahrzehnten weitgehend geräuschlos zusammengewachsen. Dieses Zusammenwachsen ist allerdings anders abgelaufen, als es 1990 von vielen Menschen erwartet wurde: Eine Wiederbelebung der christlichen Traditionen und des Glaubenslebens hat in Ostdeutschland nicht stattgefunden. Im Gegenteil, wir erleben heute eher eine Anpassung des Westens an die säkularisierten Verhältnisse im Osten.

Frage: Sie sagen, die Gläubigen seien weitgehend geräuschlos zusammengewachsen, gleichzeitig sprechen Sie von gelegentlichen Verständigungsproblemen. Können Sie dafür ein Beispiel nennen?

Pickel: Ein Problem bis heute ist das mitunter fehlende Verständnis westdeutscher Christen für die Situation in Ostdeutschland. Was es für einen ostdeutschen Christen bedeutet, nahezu vollständig von einem konfessionslosen Umfeld, ja von einer Kultur der Konfessionslosigkeit umgeben zu sein, können Katholiken oder Protestanten im vielerorts immer noch volkskirchlich geprägten Westen kaum nachvollziehen. Und das führt in der Tat manchmal zu einer religiösen Sprachlosigkeit zwischen Ost und West.

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