Erdogans neuer Krieg


Die Türkei facht den Konflikt im Südkaukasus weiter an und interveniert militärisch. Deutschland blockiert europäische Sanktionen gegen Ankara

Tomasz Konicz | TELEPOLIS

Der seit einer knappen Woche tobende Krieg zwischen Armenien und Aserbaidschan scheint in der Nacht zum vergangenen Freitag eine neue Eskalationsstufe erreicht zu haben. Die armenischen Streitkräfte meldeten den Abschuss mehrerer aserbaidschanischer Drohnen über dem Staatsgebiet Armeniens, die in der Nähe der Hauptstadt operierten. Von den vier abgeschossenen unbemannten Fluggeräten ist eins nur 16 Kilometer außerhalb Jerewans niedergegangen.

Bislang beschränkten sich die Angriffe der aserbaidschanischen Luftstreitkräfte und Artillerie auf die Grenzregionen Armeniens und die armenisch besiedelte Region Nagorny Karabach, die sich in einem blutigen postsowjetischen Bürgerkrieg in den 1990er Jahren als die international nicht anerkannte Replik Arzach abspaltete. Aserbaidschan will diese Region mit türkischer Unterstützung erobern.

Bislang sind mehr als 100 Militärangehörige und Zivilisten beider Seiten bei den hauptsächlich in Arzach tobenden Kämpfen ums Leben gekommen, hunderte Menschen wurden verletzt. Zwei französische Reporter sind verletzt worden, als sie unter Artilleriebeschuss kamen, während sie in einer Kleinstadt in Arzach vom Krieg betroffene Zivilisten interviewten.

In aserbaidschanischen Medien, in denen seit Beginn der Feindseligkeiten bizarr anmutende Kriegspropaganda verbreitet wird, sind immer wieder Erfolgsmeldungen von der Front zu lesen, laut denen mehrere Ortschaften und strategische Anhöhen von der Armee erobert worden seien. Die armenische Seite bestreitet jegliche nennenswerten Geländegewinne der aserbaidschanischen Streitkräfte. Am 2. Oktober erklärte Jerewan, zu Verhandlungen über eine Waffenruhe bereit zu sein.

Dennoch scheint eine baldige Waffenruhe unwahrscheinlich, da die Türkei den Konflikt im Südkaukasus – einer geopolitischen Einflusssphäre Russlands – nach Kräften anheizt. Der türkische Staatschef Erdogan schloss am 1. Oktober einen Waffenstillstand in Nagorny Karabach kategorisch aus, da die Weltmächte diesen Konflikt über 30 Jahre ignoriert hätten.

Man werde nun die Sache in die eigenen Hände nehmen, so Erdogan. Das islamisch-nationalistische Regime in Ankara fordert gemeinsam mit Baku die Kapitulation Arzachs sowie den totalen „Rückzug“ Armeniens aus Nagorny Karabach – was faktisch auf die ethnische Säuberung der seit gut 30 Jahren unabhängigen Region hinausliefe.

Türkische Intervention

Ankara hat inzwischen offen den Streitkräften Aserbaidschans militärische Unterstützung bei ihrem Eroberungsfeldzug gegen das christliche Armenien zugesichert. Die Türkei werde in Reaktion auf aserbaidschanische Beistandsforderungen „tun, was notwendig ist“, erklärte der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu gegenüber Reportern.

Diese türkische Rückendeckung für die Angriffe Aserbaidschans gegen die Republik Arzachs dürfte die Kompromissbereitschaft Bakus in dem Konflikt gegen null tendieren lassen – man sieht sich endlich am längeren Hebel, zumal der Kreml aufgrund einträglicher militärischer Geschäfte mit Aserbaidschan eine eindeutige Positionierung zugunsten Armeniens zu vermeiden sucht.

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