Meisners Wahrheit


Der frühere Kölner Kardinal behauptete, vom Missbrauchsskandal völlig überrascht worden zu sein. Doch diese Darstellung gerät jetzt ins Wanken.

Raoul Löbbert, Georg Löwisch | ZEIT ONLINE

Als Anfang 2010 der Missbrauchsskandal der katholischen Kirche in Deutschland an die Öffentlichkeit drang, lag Joachim Kardinal Meisner in der Kölner Universitätsklinik. Er musste sein linkes Knie operieren lassen. Er habe zuerst an eine Verleumdungskampagne gedacht, erzählte Meisner später. Und dann sei herausgekommen, dass die Berichte fundiert seien: „Das hat mich so entsetzt, das hat mich so entsetzt!“

Ein Kardinal fällt aus allen Wolken: Dass Priester, die doch Menschen zu Gott führen sollen, Kinder und Jugendliche missbraucht haben – nie hätte er das geglaubt. So stellte Meisner die Dinge Ende März 2015 dar. Er saß im Studio des Deutschlandfunks, dessen Chefredakteurin Birgit Wentzien ihn über sein Leben befragte, von der Kindheit in Schlesien über seine Zeit als Bischof in der DDR bis zur Rolle als polarisierende Kraft katholischer Konservativer. Zeitzeugen im Gespräch hieß die Sendung, und nach der letzten Musik kam Wentzien auf den flächendeckenden sexuellen Missbrauch durch Priester in allen 27 Bistümern zu sprechen. „Haben Sie davon etwas geahnt?“, fragte sie. „Nichts geahnt! Nichts geahnt!“, rief Meisner ins Mikro. „Wissen Sie, ich habe mir das doch nicht vorstellen können.“

Meisner war zum Zeitpunkt des Interviews schon knapp ein Jahr als Erzbischof von Köln verabschiedet worden. 2017 starb er im Alter von 83 Jahren. Die Schilderung des Kardinals in dem Interview erscheint seit vergangener Woche in einem neuen Licht. Denn im Interview mit Christ&Welt hat der Hamburger Erzbischof Stefan Heße vergangene Woche etwas völlig anderes aus Meisners Zeit berichtet.

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