Vatikanjournalist Nuzzi über die römische Finanzaffäre: „Ich würde mit Becciu keinen Kaffee trinken“


Wie schlimm steht es im Vatikan um die Finanzen? Seit dem Eklat von Kardinal Becciu wird diese Frage immer lauter gestellt. Der italienische Journalist Gianluigi Nuzzi vermutet den Vatikan kurz vor dem finanziellen Ruin.

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DOMRADIO.DE: Schauen wir auf den aktuellen Fall von Giovanni Angelo Becciu. Dieser wurde von Franziskus mehr oder weniger gefeuert, weil er ihm nicht mehr vertraut hat. Einem Artikel, nach dem Becciu Gelder veruntreut und eine unabhängige Finanzprüfung verhindert haben soll, widerspricht der Beschuldigte. Er habe sich nichts vorzuwerfen. Was ist nach Ihren Recherchen die Wahrheit?

Gianluigi Nuzzi (Journalist und Buchautor): Also, es gibt in dieser Geschichte mehrere Dinge, die man betrachten muss. Die erste Ebene ist die Befragung im Vatikan zu den Finanz- und Immobiliengeschäften Beccius, die dubiose Finanzgeschäfte betreffen. Auch hat er seinen Brüdern Geld gegeben. Man sieht also, dass Becciu Fehler gemacht hat. Die Befragung zeigt auch, dass es um Becciu ein großes Netzwerk gegeben hat, das diese finanziellen Machenschaften unterstützt hat. Giovanni Angelo Becciu hat also in seiner Amtszeit eher private Interessen vertreten als die des Vatikans.

Die zweite Ebene ist die Beziehung zwischen Becciu und dem Papst. In den letzten Jahren hat Franziskus in Becciu immer mehr einen Mann gesehen, der an der eigenen Macht interessiert ist, als einen treuen Gefährten und Diener Gottes. Deshalb hat Franziskus kein Vertrauen mehr in Becciu gehabt und ihm die Rechte als Kardinal genommen. Das heißt, er bleibt zwar Kardinal, aber er kann am nächsten Konklave nicht mehr teilnehmen. Diesen Fall hat es in der langen Geschichte des Vatikans sehr selten gegeben. Vielleicht fünf oder sechs Mal. Das Vertrauen zwischen dem Papst und seinen Kardinälen ist das Wichtigste, da die Kardinäle dem Papst am nächsten stehen.

Becciu hat völlig unangemessen auf diesen Vertrauensverlust reagiert und eine Pressekonferenz einberufen in der er gesagt hat, er hoffe, dass der Papst nicht manipuliert worden sei. Er zweifelt damit die geistigen Fähigkeiten des heiligen Vaters an und das sagt viel über Beccius Charakter aus. Er hat gesagt, dass er das Vertrauen in den Papst erneuert und ihm weiterhin vertraut. Dabei ist es aber der Papst, der Becciu das Vertrauen entzogen hat. Ein Kardinal erneuert nicht das Vertrauen in den Papst, sondern er ist ein treuer Diener Gottes und unterstützt den Papst bei seiner Aufgabe. Das alles zeigt die Distanz zwischen dem Papst und Kardinal Becciu, denn der Kardinal gehört noch der alten Denkweise, sagen wir mal der alten Schule an. Er gehört einer alten Kirche an, die es nicht mehr geben sollte. Die neue Kirche muss transparent sein und sich um die Armen kümmern, so sagt es auch Franziskus.

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