Mehr als 35 Jahre auf dem Jesus-Trip – und jetzt ist Schluss


Am Anfang ein Kirchenaustritt, im Buch. Nach genau 35 Jahren im Dienste der Evangelikalen Bewegung. Der Weg vom ungläubigen Zweifler zum frommen Bibel-Fundamentalisten. Vom verdummbibelten Jung-Erwachsenen zum evangelikalen Prediger zum kritischen Rationalismus eines Hans Albert. Was für eine Entwicklung, ein Prozess innerer Widersprüchlichkeit. Hans Fleißner hat genau diesen Weg zurückgelegt. Sein Buch selbstkritisch, religionskritisch, ohne in jammerndes Selbstmitleid zu verfallen.

Die Leser dieses Blogs wissen um die Auseinandersetzung mit den Evangelikalen. Ob nun die Plattformen idea.de oder pro-Medienmagazin, als Sprachrohre evangelikaler Weltsicht. Immer wieder im Blickpunkt die Studiengemeinschaft Wort & Wissen deren Autoren versuchen mittels Kreationismus die ach so böse Evolutionstheorie eines Charles Darwin zu widerlegen, stellenweise die pseudowissenschaftliche Argumentation des Intelligent Design verwendend. Mit der Schöpfung fing alles an, demzufolge, da man die Bibel fundamental auslegt, ergibt sich, ein Alter der Erde von rd. 10.000 Jahren. Ken Ham lässt grüßen.

Es gibt nur einen Gott, nämlich den Gott des Alten-und Neuen Testaments. Alle anderen Götter und Religionen sind Irrwege, die ins Verderben führen.

Luftanker, S.52

Solche religiösen Sprüche kennen wir, der Satz klingt fast wie die Schahāda der muslimischen Welt. Der vollständig zu nennende Anspruch die alleinseligmachende Wahrheit zu verkünden.

Die im Buch formulierten Basics der Evangelikalen Bewegung lesen sich wie ein salafistisches Programm, Mullah Omar hätte das nicht besser formulieren können.

Um das ewige Heil zu erlangen, muss sich das Individuum zu Jesus bekehren. Den Ungläubigen drohen ewige Höllenqualen(ebenda, S.52) Die selbstwertschöpfende Arroganz evangelikalen Bewusstseins kommt nirgends besser zum Ausdruck.

Der Autor war Pietist, also, jener Teil der evangelischen Kirche, der sich vehement gegen den Dogmatismus eines Martin Luthers stellte. Der wohl bekannteste Vertreter des deutschen Pietismus, Volker Kauder, über Jahre Vorsitzender der CDU/CSU-Fraktion im deutschen Bundestag.

Biblisch begründete Homophobie, evangelikaler Konservatismus, Steigbügelhalter von Rechtspopulismus jedweder Coleur.

Ein großes Aufgabenfeld der Evangelikalen Bewegung, die nicht praktizierenden Christen, dort will man Jesus wiedererwecken. Das Amerikanische „born again“ meint genau das, nicht wieder geboren sondern wieder erweckt. Wir erinnern uns an George Bush, der in einer Fernsehsendung, sich an das evangelikale Publikum wendend meinte, „Ich bin einer von Euch.“

Damit wird auch deutlich, die Aussenwirkung der Evangelikalen reicht bis in den Bundestag und die Bundesregierung. Ihre Vertreter sind quasi die Flüstertüten evangelikaler Einflussnahme auf Politik und Demokratie. Was uns bei Politikern, die auf die Bibel schwören und Zuflucht im bundestagseigenen Gebetsraum nicht verwundert. Die Pfäffinen und Pfaffen schwirren wie die Fliegen in und um das Parlament. Kirchen-und Religionslobbyismus vom Feinsten.

Das Buch ist gut geschrieben, unaufgeregt, mit feinem Humor würzt der Autor seine selbstkritischen Darstellung. Das Buch ist die Auseinandersetzung, Aufarbeitung eines Lebens als evangelikaler Prediger, Lehrer und Vermittler obskuranter Weltsicht. Es ist mutig sich selbst als Teil einer destruktiven religiösen Bewegung zu sehen und das warum und geht nicht mehr auszuleuchten.