«Allahu akbar» und «I can’t breathe» – das sagt man nicht in einem Atemzug


Die bekannte Islamkritikerin Ayaan Hirsi Ali hat unlängst die amerikanischen «Wokeisten» mit Islamisten verglichen. Der Islamwissenschafter Reinhard Schulze sieht in dieser Darstellung eine gefährliche Verzerrung der Sachlage.

Reinhard Schulze | Neue Zürcher Zeitung

Wer sich über eine Ungerechtigkeit empört, ist noch lange kein Fundamentalist. (Protest in Ferguson, Missouri, 12 August, 2015.) Lucas Jackson / X90066

Der Titel des NZZ-Artikels versprach einen spannenden Artikel. Immerhin wurde hier mit «Fundamentalist» ein Begriff aufgenommen, über den seit einiger Zeit in den Sozialwissenschaften diskutiert wird. Allerdings war der Fokus des Beitrags dann enger gefasst: Die Autorin Ayaan Hirsi Ali schrieb über Analogien, die ihrer Ansicht nach zwischen Amerikas «Wokeisten» und den Islamisten bestehen.

Das Wort «woke» geht auf Erykah Badus Song «Master Teacher» aus dem Jahr 2008 zurück. Dort heisst es wiederholt: «I stay woke», und dieses «Wachbleiben» wurde in Teilen der afroamerikanischen Gemeinschaft zum Leitbegriff für diejenigen, die sich ihrer selbst bewusst werden, die vorherrschenden Paradigmata infrage stellen und nach etwas Besserem streben wollten. Nach der Erschiessung von Michael Brown in Ferguson, Missouri, 2014 wurde der Ausdruck «woke» dann Teil einer breiteren Diskussion und verflicht sich mit der Black-Lives-Matter-Bewegung.

Mörderische Analogie

Ayaan Hirsi Alis Beitrag erschien im Original im «Wall Street Journal», und zwar just am 11. September 2020, was den Ausdruck Islamist in einen sehr speziellen Kontext stellte. Als Prototypen der Islamisten galten an jenem Jahrestag sicherlich die Attentäter des 11. September, und verstärkend lässt Hirsi Ali ihren Artikel mit der in der Tat heldenhaften Revolte der Crew und der Passagiere von Flug 93 beginnen, in deren Folge das von den Terroristen gekaperte Flugzeug in der Nähe von Shanksville, Pennsylvania, abstürzte.

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