„Was hat Dich nur so ruiniert?“


Es ist schon einige Jahre her, als es Kongresse der antinationalen und antideutschen Linken gab, die auf einem theoretisch hohen Niveau über den deutschen Sonderweg in der Geschichte und die Frage diskutierten, warum der spezifisch deutsche Antisemitismus in die Shoah führte. Ein Teil der Referenten und Besucher auf diesen Konferenzen würde sich heute nicht mehr zusammen in einem Raum aufhalten können, wenn es um politische Fragen geht.

Peter Nowak | TELEPOLIS

So war in den 1990er Jahren der Publizist Jürgen Elsässer ein gerngesehener Gast auf solchen Konferenzen. Seine Devise „Die Linke wird antideutsch sein, oder sie wird nicht sein“ hatte damals Stichworte für eine Linke gegeben, die nach 1989 unter dem Motto „Nie wieder Deutschland“ einen Pool der absoluten Negation bildete.

Darauf wies der Hamburger Publizist Thomas Ebermann am vergangenen Wochenende auf dem Kongress re:kapitulation hin, der von Antinationalen in Potsdam organisiert wurden. Der unmittelbare Anlass für den Kongress waren die diesjährigen Einheitsfeierlichkeiten in Potsdam, die ja jährlich wechseln. Die Stadt, die hier wieder restauriertes Preußentum im Stadtbild deutlich sichtbar macht, hätte eigentlich in den 1990er Jahren eine gute Kulisse für größere Aktionen der antinationalen Linken geboten. Doch dieses Jahr war die von der Polizei noch mit Schikanen belegte Kundgebung nur klein.

Von der eigentlichen Ohnmacht nicht dumm machen lassen

Das lag natürlich an den objektiven Bedingungen, die Thomas Ebermann gut darstellte. Die europäische Hegemonialmacht Deutschland regiert im Konsens eines großen Teils der Bevölkerung. Deshalb organisierte sich die deutschlandkritische Strömung als bewusste Minderheit, die sich von der Position der Machtlosigkeit und Ohnmacht nicht dumm machen lassen wollte. Der Duktus des Aufrufs zur Kundgebung gegen die Einheitsfeiern 2020 ähnelte sehr den recht voraussetzungsvollen Texten, die die antideutsche Bewegung in ihrer Hochphase produziert hat:

Wende, Walser, WM – Corona 2020. Mitten im staatlich verordneten Solidaritätsgekuschel – pardon, deutschdiszipliniertem Abstand halten – droht nun auch noch der deutsche Nationalfeiertag. Deutschland erklärt sich zum Virussieger, traditionell scheisst es auf die Verlierer*innen inner- und außerhalb der Grenzen und lässt sich dabei auch von ein paar leidigen Bazillen nicht die Feierlaune verderben. Und so erstrahlt die Potsdamer Innenstadt im schwarz-rot-goldenen Kitsch, wer von oben guckt, sieht, wie’s braun wird. Ein Hoch auf die deutsche Hegemonie über Natur, Geschichte, Weltenlauf?

Aus dem Aufruf zur Kundgebung gegen die Einheitsfeiern 2020 in Potsdam

Gleich der erste Satz zeigt schon, dass man sich auch in der eigenen Marginalität einrichten kann. Denn wer – außer die, die seit Jahren die Monatszeitung Konkret lesen, die zu den Mitveranstaltern des Kongresses gehörte – wird wissen, dass hier die Wende mit der Fußballweltmeisterschaft und dem Schriftsteller in eine Reihe gestellt wird? Der politische Gehalt dahinter bräuchte schon etwas mehr Platz. Mit der Fußballweltmeisterschaft wurden Partys in Schwarz-Rot-Gold bis in Teile der Linken wieder konsensfähig. Martin Walser wiederum erhielt großen Applaus für seine Rede in der Paulskirche, wo er vor der „Auschwitzkeule“ warnte.

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