COVID-19 und die Kapitulation des Schulsystems

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Über Verlierer in der COVID-19-Epidemie wird hier und da spekuliert, aber zweifellos gibt es sie: Da sind aber mal nicht die Kranken oder Toten gemeint, auch nicht die Autohersteller, Reiseveranstalter, Airlines, Gastronomen, Messebauer oder Clubbetreiber, sondern die am unteren Ende der Rangordnung: Alte, Abgehängte, Flüchtlinge, Slumbewohner, Arbeitssklaven, Leute, die ein Homeoffice nur vom Hörensagen kennen, das Heer der täglichen Malocher, die jeden Morgen die Züge, U-Bahnen und Busse bevölkern: mit oder ohne Corona.

Arno Kleinebeckel | TELEPOLIS

Und hier und heute die Kinder, unser Nachwuchs. Und – ja – die vielgeschmähten Lehrer.

Marode Schulen, der Naturzustand

Die Schule erwirtschaftet keinen Gewinn, sie ist im Rahmen der kapitalistischen Logik ein Kostenfaktor. Und dementsprechend sieht es in den Schulen auch aus: Wie in verwahrlosten Enklaven, den vergessenen Räumen einer auf Wachstum und Rendite getrimmten Gesellschaft. Ausgenommen sind vielleicht Privatschulen und oftmals kirchliche Träger, die über andere Finanzierungsmodelle verfügen, als es in einer kommunalen Erziehungsanstalt üblich ist. Die aus Steuergeldern finanzierten Bildungsanstalten hängen einfach durch und Politiker tun so, als handle es sich bei dem maroden System um einen Naturzustand.

So schwafeln mitten in der Coronakrise die Verantwortlichen von „Digitalpakt“, „Schule der Zukunft“ und „verlässlichem Unterricht“ und ziehen sich damit bequem-fahrlässig auf Euphemismen zurück, die nichts mit der Schulwirklichkeit zu tun haben.

Der Schulsektor befindet sich seit Jahren in einer systemgemachten Schrumpfung, erst recht in Zeiten chronisch knapper Kassen gibt es keine Gemeinwohlökonomie und keine Solidarität. Es ist eine ganz besondere Schande, wie mit den Kindern und Jugendlichen verfahren wird in dieser Krise. Wie brachial, dumm und rücksichtslos. Wie unintelligent.

Kinder sind Kosten

Kinder sind Kosten. Wir schleusen sie durch, irgendwie.

Ja, Kinder sind Kosten in diesem erfolgsgetriebenen System, das zeigt sich jetzt in seiner ganzen ungeschminkten Wirklichkeit. Die Kids mögen bewaffnet sein mit glänzenden Smartphones und einer modischen Kruste, aber sie produzieren nur Aufwand und erwirtschaften keine Gewinne. Und wenn Gewinne wegbrechen wie gerade in der Coronapandemie ist das doppelt lästig.

Da reden die öffentlichen Funktionsträger von Zukunft, Verantwortung und Übergang zu einem normalen Schulbetrieb. Wer da mitten drin steckt, sieht das im Herbst 2020 ganz anders. Die lieben Kleinen stecken frühmorgens in überfüllten Bussen, stapfen in unzulänglich gewartete Schulgebäude und finden sich, fein säuberlich getrennt nach Bundesland, in schlecht gelüfteten Klassenräumen wieder.

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