Die Politisierung der Kirchen schadet diesen selbst am meisten


Immer mehr gefallen sich die Kirchen als politische Akteure mit linker Agenda – nicht nur, aber besonders in Deutschland. So verraten sie ihre Botschaft, vertiefen die gesellschaftliche Spaltung und werden überflüssig.

Alexander Kissler | Neue Zürcher Zeitung

Herr Bergoglio schrieb einen Brief. Und da Jorge Mario Bergoglio unter dem Namen Franziskus der 266. Papst der römisch-katholischen Kirche ist, heisst der Brief vom 3. Oktober Enzyklika, Rundschreiben, Lehrschreiben. Die Enzyklika geriet mit über 100 Seiten recht lang und trägt den Titel «Fratelli Tutti» – «Brüder sind wir alle». Der Papst fordert eine neue Weltordnung auf der Basis «politischer Nächstenliebe» und «sozialer Freundschaft». Um das Ziel zu erreichen, müssten die «wirtschaftlichen Mächte», die Globalisierung, der Individualismus und das Leistungsprinzip zugunsten eines starken Staates und einer «gesunden Politik» zurückgedrängt werden. «Fratelli Tutti» markiert den bisherigen Höhepunkt eines christlichen Missverständnisses: Die Kirchen sehen sich vermehrt als politische Akteure mit linker Agenda. So verleugnen sie ihren Auftrag, verspielen Glaubwürdigkeit und halten nur schlechten Traditionen die Treue.

Auf dem Weg zu einer weltlichen Nichtregierungsorganisation

Der Zettelkastencharakter der Enzyklika, in der Papst Franziskus eigene Zitate montiert und ergänzt hat, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass es den Kirchen ernst ist mit ihrer Verwandlung in eine weltliche Nichtregierungsorganisation. Die Ökumene der Beliebigkeit schreitet voran. Man schaue in die gemeinsame Erklärung von katholischer Bischofskonferenz und evangelischer Kirche zum 30. Jahrestag der Deutschen Einheit. Darin schreiben der Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm und der Konferenzvorsitzende Georg Bätzing: «In Deutschland und Europa vereint uns in föderaler Vielfalt der demokratische Geist einer verantwortungsvollen Gestaltung von Gesellschaft in Freiheit und Pluralismus. (. . .) Unsere Einheit in Vielfalt erfordert unbedingten Respekt voreinander, verständnisvolles Interesse füreinander und gelebte Solidarität untereinander.»

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