Die neuen Moralapostel


Ob Klimaschutz, Tierwohl oder Migration: Auf vielen Politikfeldern sind Kompromisse kaum noch möglich. Woher diese Rigorosität kommt – und warum sie so gefährlich ist.

Philipp Krohn, Julia Löhr | Frankfurter Allgemeine Zeitung

Das Streitobjekt ist ungefähr 2,20 Meter hoch, 80 Zentimeter breit und glänzt silbern: Die Rede ist vom gemeinen Heizpilz. Viele Jahre hatte er in der kalten Jahreszeit einen festen Platz auf den Terrassen von Restaurants und Bars, dann verbannten immer mehr Städte den Energiefresser. Im deutschen Corona-Herbst ist der Heizpilz wieder allgegenwärtig, noch nicht in der Gastronomie, aber in der politischen Debatte. Soll er in diesem Winter ausnahmsweise wieder erlaubt sein, um Gastronomen mehr Geschäft zu ermöglichen? Oder geht Klimaschutz vor Umsatz? Vor allem die Grünen spaltet diese Frage. Während die Jungen auf den Klimaschutz pochen, wirbt Bundestagsfraktionschef Anton Hofreiter für einen pragmatischen Kurs. „Ich bin kein Fan von Heizpilzen“, sagte er kürzlich. „Aber bevor die Restaurants alle pleitegehen, sollen sie halt Heizpilze aufstellen.“

Wenn das als eine Art Machtwort gedacht war, hat es nicht funktioniert. Die Diskussion über die Heizpilze geht munter weiter. Um deren CO2-Emissionen geht es dabei allenfalls am Rande, die Heizpilze sind längst zu einem Symbol für das große Ganze geworden. Wer für sie ist, der ist gegen den Klimaschutz. Und umgekehrt. Es ist eine Diskussion der Extreme, wie in so vielen anderen Politikfeldern auch. Das jeweils andere Lager wird als moralisch unterlegen diskreditiert. Die Folge sind jede Menge festgefahrene Konflikte. Und das ungute Gefühl: Wo führt das hin, wenn jedes Detail zu einer Grundsatzfrage wird?

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