Wie Minderheiten in die Ecke gestellt werden


Wenn Politiker vom „christlich-jüdischen Abendland“ sprechen, mag das gut gemeint sein. Mit der Realität habe das aber nichts zu tun, sagt Historiker Wolfgang Benz. Erfunden worden sei dieser Begriff von Menschen, denen es auch darum gehe, Muslime auszugrenzen.

Frankfurter Rundschau

Der Autor Wolfgang Benz. Sein Buch mit dem Titel „Vom Vorurteil zur Gewalt“ erscheint am 12. Oktober.© Jörg Carstensen/dpa

Im deutschen Diskurs über Minderheiten ist nach Ansicht des Historikers Wolfgang Benz viel sprachliche Unehrlichkeit im Spiel. Als Beispiele nennt der 79-Jährige im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur Begriffe wie „Islamkritik“ und das „christlich-jüdische Abendland“. „Das sogenannte christlich-jüdische Abendland ist ein völlig irriger Begriff“, betont der frühere Leiter des Berliner Zentrums für Antisemitismusforschung. Dieser sei erfunden worden, um sich von Muslimen abzugrenzen.

Aus historischer Sicht sei es „ein Hohn und eine Unverschämtheit, wenn man heute so tut, als sei da etwas Gemeinsames gewesen“. Schließlich habe sich das christliche Abendland 2000 Jahre lang bemüht, es den Juden so unangenehm zu machen wie möglich – durch Kreuzzüge, Pogrome und Verweigerung bestimmter Rechte. „Solche Begriffe, die schleichen sich blitzschnell ein, der eine Politiker plappert sie dem anderen nach“, kritisiert Benz.

Auch beim „Antisemitismus“ hätten sich bewusste Unschärfen eingeschlichen. Mit Blick auf den früheren Arbeitsminister Norbert Blüm (CDU) sagte er: „Es ist antisemitisch, wenn ein hochrangiger, inzwischen verstorbener Politiker behauptet, die Israelis würden einen hemmungslosen Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser führen.“

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