Florin: In Kirchengeschichte wird Teil der Wirklichkeit ausgeblendet


Die Journalistin Christiane Florin will, dass Frauen von ihren Erfahrungen mit der Kirche erzählen – auch im Hinblick auf Machtmissbrauch. Denn viele Frauen würden ihr bereits davon berichten, wie sie im katholisch.de-Interview erklärt. Die Kirchengeschichte werde bisher aber noch ausschließlich durch Kleriker erzählt.

Christoph Paul Hartmann | katholisch.de

Bild: ©Antje Siemon

Ein Gebetsanliegen des Papstes heißt ja wieder, dass der Papst vorgibt, was man beten muss. Von Franziskus erwarte ich in Sachen Gleichberechtigung von Frauen gar nichts.

Vor allem Frauen im Alter zwischen 80 und 90 Jahren sollten von ihren Erfahrungen mit der Kirche in Sachen Macht berichten, regte die Religionsjournalistin Christiane Florin bei einem Vortrag der Initiative „Voices of Faith“ am Wochenende an. Florin arbeitet beim Deutschlandfunk in der Redaktion „Religion und Gesellschaft“ und hat in den vergangenen Jahren unter anderem die Bücher „Weiberaufstand“ und „Trotzdem! Wie ich versuche, katholisch zu bleiben“ veröffentlicht. Im Interview erzählt sie die Hintergründe ihrer Idee.

Frage: Wie sind Sie auf den Aspekt der Erinnerungen von sehr alten Frauen gekommen?

Florin: Macht ist in meinem Buch „Weiberaufstand“ ein zentrales Thema. Ich habe das deswegen ins Zentrum gestellt, weil viele bestreiten, dass in der katholischen Kirche Macht ausgeübt wird – jedenfalls zu dem Zeitpunkt, als ich das Buch geschrieben habe. Mittlerweile ist das ein bisschen anders, Macht ist ja auch ein Thema des Synodalen Wegs. Entweder bei Lesungen oder danach sind ältere Frauen auf mich zugekommen und haben mir erzählt, was sie etwa im Beichtstuhl oder bei der Ehevorbereitung erlebt haben. Ebenso ging es um Gespräche mit Seelsorgern, wenn Frauen Gewalt erfahren haben, wenn etwa der Ehepartner sie geschlagen hat. Da dachte ich: Wo wird so etwas mal aufgeschrieben? Wo kommen die Frauen mal selbst zu Wort? So eine „oral history“, eine Kirchengeschichte des 20. Jahrhunderts aus dem Blickwinkel der Basis – speziell der Frauen – habe ich nirgends gefunden. Das muss man aber irgendwann mal machen, sonst gibt es keine Zeitzeuginnen mehr.

Frage: Auf welche Erlebnisse von Frauen in Bezug auf Macht sind Sie gestoßen?

Florin: Das Besondere ist, dass Frauen das Erlebte zunächst für normal gehalten haben: wenn sie etwa im Beichtstuhl gefragt wurden, ob sie verhüten und wie viele Kinder sie noch möchten. Wenn sie in einer schrecklichen Ehe mit vielen Gewalterfahrungen lebten, mussten sie sich vom Pfarrer anhören, dass sie diese Ehe wie ein Kreuz tragen und ertragen müssten. Das ist den Frauen in dieser Situation nicht als Machtmissbrauch aufgefallen. Erst Jahrzehnte später erzählen sie so etwas dann in dem Duktus: „Was habe ich mir damals eigentlich alles bieten lassen!“ Mir geht es um Bewusstseinsbildung, klar zu machen: Das ist nicht normal, das ist Machtmissbrauch – speziell gegenüber Frauen.

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