Priester über sexualisierte Gewalt in der Kirche: „Brutal und verletzend“


Alf Spröde hat lange als katholischer Priester gearbeitet, bevor er als schwuler Mann diskriminiert wurde. Als Kind erfuhr er sexualisierte Gewalt durch einen Priester.

Interview Philipp Gessler | taz

taz: Herr Spröde, Sie haben als Jugendlicher von einem katholischen Priester sexualisierte Gewalt erfahren – und sind trotzdem später katholischer Priester geworden. Können Sie das erklären?

Alf Spröde: Zum einen habe ich die Vorkommnisse, nach heutigen Erkenntnissen, kurz danach verdrängt. Das ging damals noch. Dann hat der Täter, ein kluger, charismatischer Priester, das manipulativ mir gegenüber so hingedreht, dass dieser Missbrauch* eine Art geheimer Initiationsritus sei, um in die Kaste der Priester hineinzukommen – und er wusste, dass ich erwog, katholischer Priester zu werden.

Auch das ist ein wenig seltsam, denn eigentlich waren Sie ja evangelisch.

Ja – aber ich war immer berührt von der katholischen Welt, schon damals. Und nach ein paar Semestern evangelische Theologie bin ich später konvertiert, bin also katholisch und auch katholischer Priester geworden.

Sie wurden offenbar ein ziemlich guter katholischer Priester, waren Jahre später leitender Geistlicher für mehrere Pfarreien – und als Sie versetzt werden sollten, gab es öffentliche Proteste zu Ihren Gunsten, weil Ihre Gemeindemitglieder Sie nicht verlieren wollten.

Ja, ich war auch glücklich mit meiner Arbeit. Aber etwa um das Jahr 2008 kamen plötzlich, wie in einem Film, die Erinnerungen an den Missbrauch zurück, den ich total verdrängt hatte. Ich wusste nicht, wie ich damit umgehen sollte, und habe den Missbrauch deshalb 2011 dem damaligen Personalchef Stefan Heße im Erzbistum Köln gemeldet. Er ist jetzt Erzbischof von Hamburg.

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