Afghanistans kalter Krieger und sein Vermächtnis


Auch der Westen ist verantwortlich für die Verklärung Massouds zum Helden des Widerstands gegen die Sowjets im Kalten Krieg

Emran Feroz | TELEPOLIS

Bild: U.S. Embassy Kabul Afghanistan/gemeinfrei

Porträt Massouds im Ghazni-Fußballstadion in Kabul.

Ahmad Shah Massoud gilt als Afghanistans Nationalheld. Er wurde am 9. September 2001, zwei Tage vor den Anschlägen auf das World Trade Center, getötet. Dies war gewiss kein Zufall. Massoud wird nicht nur in seiner Heimat, sondern auch im Westen verehrt. Doch de facto kann man ihn, genau wie die meisten anderen Kriegsakteure in Afghanistan, mit Fug und Recht als Kriegsverbrecher bezeichnen.

An seinem Todestag, der gleichzeitig den Beginn der sogenannten Märtyrerwoche darstellt, versammelt sich jährlich die afghanische Politelite in der Hauptstadt und hält Reden auf den einstigen Nordallianzführer, der – so schrieb es zumindest einst das US-amerikanische Wall Street Journal – den Kalten Krieg gewann und später zum Protagonisten im Kampf gegen die Taliban wurde.

In Kabul hielt sich die jährliche Begeisterung jedoch in Grenzen. Abgesehen davon, dass Massouds Milizen während des afghanischen Bürgerkrieges in den 1990er Jahren für zahlreiche Massaker verantwortlich waren und im Kampf mit verfeindeten Fraktionen die afghanische Hauptstadt in Schutt und Asche legten, ist es zum Ritual seiner Anhänger geworden, an seinem Todestag teils schwer bewaffnet durch die Straßen der Stadt zu ziehen, um ihre vermeintliche Dominanz deutlich zu machen. Junge Männer marschieren dann mitten in der Kabuler Innenstadt mit Gewehren und Schwertern auf. Dabei sind Konterfeis Massouds omnipräsent. Wer nicht mitmacht, kann Probleme bekommen.

Viele Autofahrer bringen das Bild des Kriegsherrn an diesem Tag nur an ihrem Auto an, um in Ruhe gelassen zu werden. Nicht selten kommt es zu Ausschreitungen mit Todesopfern.

Ein zweifelhafter Held

Massoud, damals der gefeierte Führer der Nordallianz, wurde in der nordafghanischen Provinz Takhar von zwei arabischen Selbstmordattentätern, getarnt als Journalisten, ermordet. Bis heute ranken sich um Massoud, auch „Löwe von Panjshir“ genannt, zahlreiche Legenden, die ihn unter anderem als charismatischen Krieger und gottesfürchtigen Muslim beschreiben.

Auch der Westen ist verantwortlich für die Verklärung Massouds zum Helden des Widerstands gegen die Sowjets im Kalten Krieg. Vor allem die Franzosen liebten den eloquenten Massoud, der unter anderem ihre Sprache sprach. Bis heute gibt es praktisch keine Dokumentation über den Afghanistan-Krieg, in der Massoud nicht ausführlich erwähnt wird. Der Grund hierfür war vor allem stets die Tatsache, dass westliche Beobachter und Intervenisten in fernen Kriegen immer nach Akteuren suchen, mit denen sie sich in irgendeiner Art und Weise identifizieren können.

Massoud galt als „moderat“, sprach Französisch und sah aus „wie ein junger Bob Dylan“. Außerdem war er es, der seine Heimatprovinz Panjshir jahrelang erfolgreich gegen die Sowjets, sprich, gegen die „gottlosen Kommunisten“ verteidigen konnte, während er sich nachts mit persischer Dichtkunst oder den Schriften Ho Chi Minhs, Sun Tzus oder Che Guevaras beschäftigte. Ein intellektueller Krieger, der für sein Volk kämpfte – oder sich zumindest als solcher erfolgreich inszenierte.

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