Der geköpfte Lehrer


Frankreich: Ein brutaler Terrormordanschlag, Fanatismus, Mohammad-Karikaturen und die Rolle sozialer Medien

Thomas Pany | TELEPOLIS

Bild: Pierre Poschadel/CC BY-SA 4.0

Conflans-Sainte-Honorine.

Ein 18-Jähriger hat gestern Spätnachmittag gegen 17 Uhr einen Lehrer in Conflans-Saint-Honorine (Yvelines), Großraum Paris, mit einem langen, geschärften Metzgermesser getötet. Der Akt war ein Gemetzel, der Lehrer wurde verstümmelt, auf Twitter tauchte später ein Foto auf, das den abgeschnitten Kopf des Lehrers zeigte. Die für Terrorismus zuständige Staatsanwaltschaft ermittelt wegen eines Terroranschlags. Der Hauptverdächtige, der formal als solcher bezeichnet wird, wobei aber nichts auf einen anderen Täter hindeutet, wurde kurze Zeit danach in einem Nachbarort von Polizisten erschossen.

Der Fall schlägt in Frankreich hohe Wellen, er verdrängt heute die seit Tagen dominierenden Schlagzeilen über den Anstieg der Corona-Infektionszahlen. Dass der Fall eine derart starke Wirkung auslöst – Macron eilte gestern Nacht noch zum Tatort und gab eine emotionale Solidaritätserklärung an alle Lehrer des Landes ab, der Parlamentssprecher zeigte sich ebenfalls sehr berührt bei der Übermittlung der Nachricht an die Abgeordneten, die Medien sind voll mit Berichten zum Mord – hat mehrere Ebenen.

„Missverständnisse“, die geschürt werden

Eine wichtige Rolle spielen Interpretationen zum Umgang mit Muslimen und die Öffentlichkeit, die Facebook und andere soziale Medien schaffen. Sie schüren Missverständnisse, könnte man dies in einem sachten Ton beschreiben, im vorliegenden Fall ist das allerdings verharmlosend; man kann im Nachhinein auch feststellen, dass die Beschreibung der Vorgänge auf Facebook, an deren Ende die brutale Tat stand, eine höchstwahrscheinlich bereits schwärende Wut weiter aufgeheizt hat.

Der Lehrer für Geschichte und Geografie, Mitte Vierzig, unterrichtete seit vielen Jahren Schüler über Religionen. Eine Unterrichtsstunde, die er Anfang Oktober am Collège du Bois-d’Aulne in dem genannten Ort Conflans-Saint-Honorine gab, sorgte für Aufregung. Es ging um Meinungsfreiheit. Das Thema wollte der Lehrer anhand der Mohammed-Karikaturen erläutern. Dazu fragte er die Schüler der danach, wer muslimischen Glaubens ist und erklärte ihnen, dass sie den Unterrichtsraum verlassen können, wenn sie wollen.

Daran entzündeten sich die ersten Reaktionen. Während Schülerinnen und Schüler laut Medienberichten dies als Geste des Respekts verstanden, was damit unterlegt wird, dass der Lehrer als freundlich und respektvoll im Umgang mit Schülern geschildert wird, empörten sich Eltern. Es kam zu Diskussionen an der Schule, die via Facebook-Postings über diesen Kreis hinausgingen.

Gegen den Lehrer wurde der Vorwurf erhoben, dass er mit der Aufforderung an die muslimischen Schülerinnen und Schüler, sich zu melden, gegen die Gleichbehandlung verstoßen habe, und dies noch viel mehr, als er sie „aus der Klasse geschickt“ habe, was einer Diskriminierung gleichkommt. Und schließlich dass er im Unterricht „Nacktbilder“ gezeigt habe. Damit gemeint war eine der Karikaturen, wie aus einem Bericht von Le Monde hervorgeht. Dort wird von einem Facebook-Posting vom 8. Oktober des Vaters einer der Schülerinnen (13 Jahre alt) berichtet, die sich geweigert habe, die Klasse zu verlassen.

weiterlesen