Umstrittene Wildtierhaltung: Jetzt mal ganz natürlich


Zoos versprechen heute, ihre Tiere artgerecht zu halten. Doch wie viel Natur ist dort möglich? Und sind Zoos überhaupt noch zeitgemäß?

Philipp Brandstädter | taz

Zuerst knipst Boris der Ziege den Kopf ab. Er erledigt das fachmännisch, nahezu lautlos und mit einer Leichtigkeit, die erahnen lässt, wie viel Kraft der Kiefer eines ausgewachsenen Sibirischen Tigers hat. Boris hat keine Eile, er kaut am Genick des toten Bocks herum, mit einer Tatze auf dem Ziegengesicht, als sei ihm der starre Blick unangenehm.

Dann richtet er sich auf und verkeilt sich in der Schulter seiner Beute, die immer noch an einem Drahtseil über dem Boden baumelt. Er zerrt an ihrem Kadaver, bis das Fleisch nachgibt. Ein lauter Ratsch ist zu hören, als würde man ein Kleid zerreißen. Ziegeninnereien stürzen mit einem satten Klatschen auf den Rasen. Vor dem Gehege deutet ein kleines Mädchen auf Boris und kichert, ihre Mutter schüttelt angewidert den Kopf. „Ich weiß, das ist ein Tiger, ich weiß, das ist Natur“, sagt sie. „Aber das ist mir einfach zu brutal.“

Blutige Raubtierfütterungen wie diese gehören im Zoo von Dänemarks drittgrößter Stadt Odense zur normalen Besucherbespaßung. Und sie sind in einem Jahr, in dem es coronabedingt nur wenige Unterhaltungsmöglichkeiten gibt, eines der wenigen verbliebenen Freizeitangebote.

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