Pro-Choice versus Anti-Choice


Wie hängen teils unsichtbare christliche Organisationen in vielen Ländern mit dem Abbau der Frauen- und Minderheitenrechte zusammen? Klementyna Suchanow hat es untersucht

Joanna Schild | derFreitag

Mit der Präsentation des Gesetzesentwurfs „Stoppt die Abtreibung“ im Herbst 2016, der sowohl Schwangerschaftsabbrüche, als auch natürliche Fehlgeburten unter Freiheitsstrafe stellen wollte, beginnt das Leben der polnischen Buchautorin Klementyna Suchanow, sich diametral zu ändern. Sie ist nicht bereit, Einschnitte in ihre Rechte und die Durchdringung des polnischen Staates mit rechtsradikalen und christlich-fundamentalistischen Kräften, tatenlos hinzunehmen und wird in den Folgejahren zu einer der wichtigsten Figuren einer neuen zivilgesellschaftlichen Protestbewegung in Polen. Strafmandate für Straßenblockaden oder politische Graffiti, von Polizei zu Boden geworfen werden, Handschellen, Stunden in Polizeiautos, Verhöre für politischen Aktivismus, mehrere Gerichtsverfahren am Hals, Operation an der Wirbelsäule als Folge einer Polizei-Intervention, ein Hausbesuch von der Agentur für innere Sicherheit, gehören von nun zum Alltag der promovierten Literaturwissenschaftlerin. Aus einer Frau, Schriftstellerin, Mutter, Tochter, Bürgerin wird eine „Kriminelle“, weil sie etwas verteidigt, das sie als zivilisatorischen Grundkonsens betrachtet.

„Manchmal wird dir bewusst, was du hast, erst wenn es droht, dir genommen zu werden. Bisher habe ich nicht viel über Feminismus nachgedacht. Als ich aber vor die Wahl gestellt wurde: meine Rechte oder zurück ins Mittelalter, war die Sache klar. Wie viele von uns, hatte ich keine Wahl, ich musste Feministin werden“, schreibt Suchanow in ihrem neuen Buch „To jest wojna: Kobiety, fundamentalisci i nowe sredniowiecze“ (Das ist Krieg: Frauen, Fundamentalisten und das neue Mittelalter), erschienen im polnischen Agora Verlag. Eine Übersetzung ins Deutsche ist derzeit noch nicht in Sicht.

Damals im Jahr 2016 beteiligte sich Suchanow an der Organisation eines landesweiten Frauenstreiks in Polen, dem sog. „schwarzen Protest“, der die Regierenden mit einer fulminanten Teilnahme überraschte. Am 3. Oktober 2016 füllten sich, trotz strömendem Regens, die Straßen in 147 Städten in ganz Polen, mit schwarz gekleideten, verärgerten Frauen. Der Gesetzesentwurf wurde in der Folge abgelehnt, die Verschärfung des Abtreibungsgesetzes war damit immer noch nicht vom Tisch (dazu später mehr).

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