Islamismus und postlinke Ignoranz


Nun soll „die Linke“ auch noch irgendwie am islamischen Terror schuld sein – das meinen zumindest Deutschlands scheidende Berufslinke. Eine Polemik

Tomasz Konicz | TELEPOLIS

Manchmal scheint es geradewegs so, als ob eine ganz besondere Art von Ignoranz notwendig wäre, um im bundesdeutschen Medienzirkus breit wahrgenommen zu werden. Der scheidende Juso-Chef Kevin Kühnert, der gerade die parteiübliche Metamorphose zum Sachzwangpolitiker durchmacht, begleitet seinen Abschied von der Linken mit den üblichen opportunistischen Anbiederungen an den reaktionären Zeitgeist, die in der ebenso üblichen, abgestandenen Pose des unbequemen Klartextredners und aufrechten Rebellen vorgetragen werden.

Die Linke müsse ihr „unangenehm auffälliges Schweigen“ bezüglich des islamistischen Terrors brechen, so Kühnert in einem für Spiegel Online verfassten Kommentar. Man dürfe den Kampf gegen den Islamismus nicht „länger Rassisten überlassen“ und müsse sich mit dieser Ideologie offensiv auseinandersetzen. Der Vorwurf an die Linke, in ihren „Weltbildern“ gebe es „richtige“ und „falsche“ Opfer, trage einen „Funken Wahrheit“ in sich. Dies sei der größte „blinde Fleck“ progressiver Kräfte, so der scheidende Jungsozialistenführer, der sich in charakteristischer Bescheidenheit zum Sprachrohr der Linken ernannt fühlt.

Auf den Zug sprangen die üblichen Verdächtigen auf: Die CSU – seit jeher eine Bastion von Demokratie und Fortschritt – spendete ihrem Genossen Kühnert fleißig Beifall, der Spiegel-Kolumnist Sascha Lobo (der bei Bedarf auch als ein Linker vermarktet wird) empörte sich über die linke Empörung nach rassistischen Morden in Deutschland, denen nun „linke Zerknirschung“ nach dem islamistischen Mord in Frankreich folge. In der FAZ hingegen durften arrivierte ehemalige 68er, die irgendwann mal irgendwie Links gewesen sein sollen, der stockkonservativen Leserschaft versichern, dass Linke schon immer den Islamismus verniedlicht hätten.

Es ist die übliche reaktionäre Welle, die – wie schon so oft – einen linken Pappkameraden aufbaut, um den öffentlichen Diskurs weiter nach rechts zu verschieben. Mensch will gar nicht wissen, was hier unter „der Linken“ zu verstehen ist. Wenn Kühnert & Co. sich im Medienzirkus als Linke verkaufen und einfach nur Selbstkritik üben wollten, da sie den Islamismus jahrelang als Gefahr unterschätzten, wären sie kaum wahrgenommen worden. Es geht zumindest im Fall Kühnerts offensichtlich darum, die Linke als politische Strömung für den islamistischen Terror mitverantwortlich zu machen – was eigentlich nur eine perfide Methode der opportunistischen Karrieremacherei eines ehemaligen Linken ist.

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