Auch Gott schützt nicht vor Viren

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Jede Religion lebt von dem Versprechen, das Wohlverhalten der Menschen zu belohnen. Angesichts einer Pandemie zeigt sich besonders klar, dass glaubenskonformes Verhalten keinen Schutz vor Krankheit bietet. Im Gegenteil: Gläubige in Kirchen, Synagogen und Moscheen sind dem Virus besonders ausgesetzt.

Michael Wolffsohn | Neue Zürcher Zeitung

Nähe im Glauben trotz Corona-konformer Distanz: betende Muslime in Dhaka, Bangladesh. Sultan Mahmud Mukut / Imago

«Wo wohnt Gott?», fragte der Kozker Rebbe Menachem Mendel einige gelehrte Männer, die bei ihm zu Gast waren. Sie lachten über ihn: «Wie redet Ihr! Ist doch die Welt seiner Herrlichkeit voll!» Er aber beantwortete die eigene Frage: «Gott wohnt, wo man ihn einlässt.» Diese und andere wunderbare «Erzählungen der Chassidim» hatte Martin Buber gesammelt und sprachlich modernisiert – seine Kritiker behaupten: frisiert. Martin Buber starb 1965 und der Kozker Rebbe 1859, doch ihr Geist bereichert uns noch heute. In der Corona-Pandemie besonders. Wie das?

Dass praktizierende Gläubige in der Kirche, der Synagoge, der Moschee oder in anderen religiösen Institutionen wohl mehr als Nichtgläubige «Gott einlassen», dürfte nicht zu bestreiten sein. Hiervon ausgehend sowie vom durchaus überkonfessionellen Gedanken des Kozker Rebben schliessen wir: Die Kirche, die Synagoge, die Moschee und andere religiöse Einrichtungen sind «Wohnungen Gottes», weil dort Gottsuchende, Gottesfürchtige und Gottesdiener weilen.

Gott einlassen und Gottes Belohnung hierfür – diese beiden überkonfessionell geltenden Grundannahmen vorausgesetzt, wäre Gottes Wohlwollen gerade gegenüber denjenigen zu erwarten, die ihn in ihre Wohnungen einlassen: Juden, Christen und Muslimen gleichermassen.

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