Die Gnade des rechten Menschenverstands


Große Kreisstadt Aue-Bad Schlema, 01.11.2020. Besonders viril sieht der kurzsichtige Herr mit dem Kurzhaarschnitt und dem Charme eines Kurzwarenhändlers nicht aus. Das schwarze Hemd, das sicherlich nicht signalisieren soll, dass er der existentialistischen Philosophie anhängt, hat er bis zum Kragen zugeknöpft.

Michael Meier | TELEPOLIS

Aue-Bad Schlema. Foto: Aagnverglaser/CC BY-SA 4.0

Auf die Frage der Interviewerin nach den wichtigsten landespolitischen Themen antwortet der Kandidat überlegt. „Zum einen die Asylpolitik und ihre Folgen, dann die demografische Entwicklung im Freistaat Sachsen, insbesondere in den ländlichen Regionen, und die Ausstattung der Kommunen mit finanziellen Mitteln.“

Diese mit Sorgfalt gewählten Worte erklingen während des sächsischen Landtagswahlkampfs 2019. Aus dem erhofften Posten des Bürgermeisters der Großen Kreisstadt Aue-Bad Schlema, für den er kandidiert, wird es nichts werden. Doch kann er im ersten Wahlgang immerhin 19,1 Prozent der Stimmen für sich verbuchen. Stefan H. ist kein Philosoph, der gelernte IT-Techniker ist Kreisrat im Erzgebirgskreis und Kreisvorsitzender der NPD.

Per „Transgender-Einhorn“ in den Untergang

Im Internet, wo Leute wie er gerne die Hose herunterlassen, gibt er sich weniger zugeknöpft. Die Bundeswehr, so Stefan H., der sich anscheinend trotz oder vielleicht gerade wegen seines wenig markanten Aussehens für sehr männlich hält, sei eine „Spaßarmee“. Diese reite „per Transgender-Einhorn“ ihrem Untergang entgegen.

Dorthin reitet, wenn man ihm glauben darf, auch das ganze Land, das seiner Meinung nach am Ende sei. „Kann hier bitte mal jemand einmarschieren und den Ex-Jungs zeigen, wie eine echte Armee aussieht?“

Wer oder was seiner Aufforderung folgen und in Deutschland einmarschieren soll, lässt der Kreisrat offen. Er hat auch so mit dem Verfassungsschutz schon genug zu tun — sein Name taucht seit Jahren regelmäßig in den Berichten des sächsischen Verfassungsschutzes auf, im letzten Bericht ganze 13 Mal. Aber seine Anhänger und Freunde, von denen es im Erzgebirgskreis einige gibt, werden schon verstehen, was er damit meint.

Der Mann ist für markige Sprüche bekannt. Schon vor Jahren soll er bei einer Demonstration in Bad Schlema gefordert haben, „den Kurort zu einem ’stolzen Protestort‘ für Gäste zu machen, die ihren Urlaub ’nicht in Islamabad‘ verbringen wollten. Ob er weiß, dass Islamabad in Pakistan liegt, ist nicht überliefert.

Doch Stefan H. geht es nicht nur um Gerede, er will Ergebnisse. Am 10. Oktober 2015 erklärt er: 1 „Wir – alle – Beteiligten, Parteien, Gruppen – müssen den Bürgerprotest über unsere persönlichen Differenzen und die wenigen Prozent Unterschiedlichkeit stellen. Alle derzeit aktiven Protestplattformen haben mindestens 90% inhaltliche Schnittmengen und müssen, um endlich – im Sinne von Ergebnissen – erfolgreich zu sein, überregional das gemeinsame Ziel, nämlich einen neuen Volksaufstand fokussieren.“

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