Statt Religion Kultur ändern – „wenn man das kann“


Der bekannte Mathematiker Nassim Nicholas Taleb postuliert in einem aktuellen Aufsatz, dass das vom Soziologen Max Weber entworfene „Narrativ“ eines Herabwirkens der Religion auf Kultur und Wirtschaft der „historischen Logik“ widerspricht.

Peter Mühlbauer | TELEPOLIS

Nassim Nicholas Taleb. Foto: Joe Loong. Lizenz: CC BY-SA 2.0

Seiner Analyse nach transformieren theologische Änderungen keine Gruppen mit gemeinsamer Identität – vielmehr sondern sich diese Gruppen unter Zuhilfenahme theologischer Änderungen stärker von anderen Gruppen ab. Protestanten entwickelten ihre Arbeitsethik Talebs Ansatz nach nicht wegen der Prädestinationslehre: Sie hatten in der frühen Neuzeit eine Kultur entwickelt, die anders war, als die in Südeuropa.

Gruppenidentität und Abgrenzung

Für solch einen Zusammenhang zwischen Theologie und Kultur spricht seiner Ansicht nach, dass die theologischen Unterschiede oft marginal wirken und „ohne reale Substanz“ sind – etwa der Streit über die leiblichen Präsenz Jesu in der Hostie, die Katholizismus und Protestantismus trennt. Oder die Frage, ob der Messias neben einer göttlichen auch eine menschliche Natur hatte, bei deren Beantwortung sich die ägyptischen Kopten von den griechischen Byzantinern abgrenzten.

Talebs „robuste Alternative“ zur „marshmellowweichen Idee“ Webers baut darauf auf, dass Menschen sich innerhalb der Gruppe imitieren, mit der sie sich identifizieren. Sie tendieren dazu, sich ähnlich zu kleiden, ähnlich zu frisieren und ähnlich zu verhalten. Je stärker eine Gruppenidentität wird, desto stärker wirken Tendenzen, sich abzugrenzen. Das kann zum Beispiel mittels religiös begründeter Speise- und Genussmittelverbote gehen, über die er in seinem Bestseller Skin in the Game schrieb und die dem Mathematiker zufolge „erfunden“ werden. So sei etwa aus einer „eher vagen Empfehlung [im Koran], dem Schöpfer nicht betrunken gegenüberzutreten“ ein Alkoholverbot geworden, mit dem sich die moslemischen Araber nach der Eroberung Bagdads zusätzlich von Christen und Zoroastriern abgrenzten.

„Eigentliche Bedeutungslosigkeit“ der Theologie

Weil die theologischen Unterschiede Talebs Ansicht nach wenig außer dieser Abgrenzung bedeuten, können ganz unterschiedliche Kulturen ähnliche Theologien pflegen – zum Beispiel die Puritaner in Neuengland und die saudischen Wahhabiten. Die – wenn man so will – „eigentliche Bedeutungslosigkeit“ der Theologie erlaubt es außerdem, dass sich Kulturen ändern können, obwohl die Theologien währenddessen praktisch unverändert bleiben: „Es waren katholische Gruppen“, so Taleb, „die den mörderischen Albigenserkreuzzug durchführten, die Inquisition, die Bartholomäusnacht und Weiteres“ – aber die Heilige Schrift blieb die gleiche „während der Inquisition, vor der Inquisition und jetzt“.

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