Wie kommt es zum islamistischen Terror in Europa?


Nach Frankreich jetzt auch Wien: wieder ein islamistischer Anschlag. Ein Gespräch mit dem Islamwissenschaftler Walid Abd el Gawad über den Umgang mit religiösen Symbolen in Europa und welche Lösungsansätze es gibt.

Barbara Knopf | BR-Kultur

Mehrere Schüsse sind am Montag, 02. November 2020 in der Wiener Innenstadt gefallen. | Bild: picture-alliance/dpa

„Wir sind im Krieg“, sagte der französische Innenminister Gérald Darmanin nach den Attacken in Nizza. Eine Übertreibung oder befinden wir uns mitten im Clash of Civilisations? Walid Abd el Gawad hat das Geschehen genau beobachtet. Barbara Knopf hat mit dem Islamwissenschaftler, Übersetzer und Dolmetscher gesprochen.

Barbara Knopf: Herr Abd el Gawad, warum trifft es ausgerechnet Frankreich so stark?

Walid Abd el Gawad: Der starke französische Säkularismus, diese starke Trennung zwischen Religion und Staat, ist für viele Muslime nicht sehr präsent. Sie nehmen die Unterdrückung zum Beispiel von religiösen Symbolen in der Öffentlichkeit oft als Angriff auf den Islam oder die Freiheit der Muslime wahr. Das ist ein Aspekt. Der zweite ist – was auch von außen sehr stark geschürt wird – die starke Rolle Frankreichs in dem Kampf gegen Terror in Syrien und Irak, gegen den Terror von ISIS. Und das brachte natürlich die Feindschaft von Terrorgruppen ins Spiel.

Das heißt, dass dieser Krieg, der in Syrien stattfindet, nun asymmetrisch verlagert wird – als Terror zum Beispiel in Frankreich? Aber es wird ja auch noch andere europäische Länder betreffen?

Ganz genau. Und die Terrorgruppen dort verbreiten gezielt das Bild von Frankreich als einem nicht säkularen, sondern christlichen Staat, dieses Motiv von einem christlichen Europa, das einen Krieg führt gegen die Muslime. Das ist nicht nur auf der Ebene der radikal muslimischen Gruppierungen, sondern selbst der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan hatte auch gesagt, dass Macron jetzt im Zusammenhang mit den Ereignissen einen Kreuzzug führe gegen die Muslime. Und Europa soll diesen Weg von Macron nicht führen. Die Vermischung von Religion und Staat wird gezielt von bestimmten politischen Akteuren eingesetzt.

Aber wie reagiert man eigentlich dort in den sozialen Netzwerken, während die Terroranschläge dort vielleicht auch ein bisschen differenzierter kommentiert, diskutiert?

Ja und Nein. Der Grundton ist: Man fühlt sich beleidigt. Man versteht schon, dass so etwas eigentlich nicht sein dürfte, nicht sein sollte. Mehrheitlich gesehen. Man versteht schon, dass man nicht gleich morden soll wegen so etwas. Aber auf der anderen Seite empfindet man die Beleidigung von dem Propheten als etwas viel Größeres: Warum nimmt man nicht auch unser Leiden wahr? Warum müssen wir ihr Leiden wahrnehmen – und sie nehmen unser Leiden nicht so richtig wahr? Es gibt mittlerweile in den sozialen Medien ein Profilbild, was fast alle Muslime, die ich kenne, mittlerweile haben. Es heißt: ‚Alles außer dem Propheten.‘ Das heißt: Eigentlich haben wir alles verloren, wir können nichts mehr schützen, alles geht uns verloren. Aber wenn es um unseren Propheten geht, dann würden wir alles tun.

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