Gesellschaftliche Entwicklung in Europa: Terror als Normalität?


In Verneigung vor dem Lehrer Samuel Paty, dessen Schicksal auch in Deutschland kein Zufall wäre.

Markus Tiedemann | Frankfurter Rundschau

Was am 16. Oktober 2020 auf den Straßen eines Pariser Vorortes geschah, lässt den Atem stocken. Ein Lehrer, der den Lehrplan eines demokratischen Rechtsstaates befolgte, wird nach Anfeindung durch Eltern und digitaler Schmähung bestialisch enthauptet. Neben dem unermesslichen Leid des Opfers und seiner Familie sollte vor allem ein Aspekt Grauen erregen: Wir reden hier über mitteleuropäische Normalität.

Damit ist keine ethische Akzeptanz der Mehrheitsgesellschaft gemeint. Aber machen wir uns nichts vor: Die lange Liste der Bluttaten und Terroranschläge hat einen entsetzlichen Gewöhnungsprozess bewirkt.

Junge Generation in Europa: Terror als Normalität

Zwischen den tödlichen Messerstichen auf Theodoor van Gogh und jenen gegen Samuel Paty liegen 16 Jahre. Zeit genug, um eine neue Generation zu prägen. Eine Zeit, in der Polizeischutz für Künstler, Politikerinnen, Wissenschaftler oder alternative Moscheen zum Normalfall wurde und religiös motivierte Attentate und Terroranschläge zum Alltag gehören. In einem Teil dieser Generation wurde die Wahrnehmung genährt, dass Gewalt die natürliche Reaktion auf angebliche Beleidigungen oder Respektlosigkeit sei. Bei der Mehrheit verfestigt sich der Eindruck, dass man der Radikalisierung Einzelner wenig entgegensetzen könne und mit einem gewissen Risiko leben müsse.

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